Von Marianne Kesting

Max Jacob, Bohemien und Dichter, Warenhausverkäufer, Kunstkritiker, Astrologe, Sonntagsmaler, Kanzleischreiber und schließlich Pförtner im Benediktinerkloster Saint Benoîtsur-Loire, zum Freundeskreis Picassos gehörig, mit dem er zusammen das "Bateau-Lavoir" auf dem Montmartre bewohnte – dieser verrückte und entrückte Sonderling Max Jacob feiert heuer seine Entdeckung in Deutschland, wo man ihn nahezu gar nicht kennt. Aber wer kennt ihn selbst in Frankreich, wo immerhin seine Bilder verkauft und seine Dichtungen verlegt wurden? "Ich lache bei dem Gedanken", schrieb er, "daß man mich mit 18 füreinen Pianisten (sic!) hielt, mit 30 für einen Gelehrten, mit 40 für einen Romancier, mit 50 für einen Maler, mit 60 hält man mich für einen Dichter, mit 65 für einen Diener der Kunst. Alle irren sich, ich bin ein Raucher ohne Tabak."

Wir können hinzufügen: Er war auch noch ein bekehrter Jude und Mystiker, freilich nicht ohne clowneske Note. André Billy, der ihn noch persönlich kannte, meinte, er habe einem schlechten Priester geglichen durch das salbungsvolle Air, das er sich gab, und einem Schauspieler wegen der Lebhaftigkeit seines Mienenspiels. Photographien von Max Jacob illustrieren dies. Auf einer posiert er in einem grauen überlangen Frack und einem übergroßen Zylinder nebst Monokel, wie in einer Operette, auf anderen sieht er wie ein Mönch oder Priester aus.

Er hatte Visionen. Am 7. Oktober 1909 erschien ihm in seinem dürftigen Zimmer Gott persönlich; etwas später im Sacre-Coeur auf dem Montmartre begann die heilige Jungfrau zu ihm zu reden. Was sagte die Jungfrau? "Wie bist du dämlich, mein armer Max." Und Max erwiderte: "Nicht so dämlich wie manches andere, liebe heilige Jungfrau."

Was Wunder, daß die meisten seiner Freunde seine Bekehrung nicht sonderlich ernst nahmen und sie, wie anderes bei Max Jacob, für eine Art Clownerie hielten. Aber er selbst nahm sie durchaus ernst. Im Jahre 1921 übersiedelte er probeweise in das berühmte romanische Kloster Saint Benoît-sur-Loire. Im Presbyterium richtete er sich einen bescheidenen Arbeitstisch ein. Der ehemalige Bohemien und Poète maudit war fürderhin "demütig und gehorsam", wie es heißt, und arrivierte schließlich zum Türhüter des Klosters. 1944 spürten ihn die judensuchenden Deutschen in seiner Zuflucht auf und verhafteten ihn. Er starb im Konzentrationslager Drancy.

In Frankreich ist sein dichterischer Ruhm nichtvon dem Ruhm zu trennen, den er sich durch seine Zugehörigkeit zur Boheme vom Montmartre erwarb. Nicht nur Picasso, sondern auch Juan Gris, André Derain, Modigliani, Georges Braques, Guillaume Apollinaire, Jean Cocteau und Marcel Jouhandeau waren seine Freunde. Bei seinem offiziellen Übertritt zum Katholizismus machte ausgerechnet der heidnische Picasso den Taufpaten.

In diesem Freundeskreis war Max Jacob goutiert, und vom Ruhm der schließlich Berühmten fiel auch ein wenig auf ihn ab, ja, seine Figur scheint so unablösbar von jenem Freundeskreis, daß man von ihr mehr erfährt als von seinen Dichtungen. In vielen bekannten Biographien taucht sein Name auf, aber wer hätte seine Schriften gelesen?