Mit Baß und Violine

Mißklänge auf dem Moskauer Mammutkongreß der Historiker

Von Karl-Heinz Janßen

Moskau, im August

Leser des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland", die sich auf die Kunst verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen, müssen am Vorabend des 21. August, dem Jahrestag des sowjetischen Überfalls auf die ČSSR, verdutzt die Stirn gerunzelt haben: "Leider", so berichtete ein Redakteur vom XIII. Internationalen Historikerkongreß in Moskau, "leider benutzte ein westdeutscher Teilnehmer das Forum der Veranstaltung zu Ausfällen gegen sowjetische und tschechoslowakische Historiker." Da hatte also scheinbar ein Bundesrepublikaner, womöglich ein alter Kalter Krieger, es gewagt, trotz des neuen deutsch-russischen Vertrages Dinge aufzurühren, die man in diesen Zeiten allgemeiner Verbrüderung eigentlich lieber unter den Teppich kehren wollte. Noch dazu auf einem wissenschaftlichen Kongreß, auf dem doch Politik nichts zu suchen habe, wie die Historiker aus der Sowjetunion und der DDR mit unschuldigem Augenaufschlag versicherten.

Geschehen war dies: Eberhard Jäckel, ein noch jüngerer Professor für Neuere Geschichte an der Stuttgarter Universität, hatte sich bei einer Diskussion über Zeitgeschichte zu Wort gemeldet. Niemand ahnte Arges. Gelassen, wie es einem Pfeifenraucher ansteht, ging er zum Podium. Jäckel ist ein Mann, der sich gründlich überlegt, was er tut. Zusammen mit Günter Grass und anderen hatte er vor der letzten Bundestagswahl eine "Sozialdemokratische Wählerinitiative" ins Leben gerufen. Willy Brandt ist sein Mann; Versöhnung mit dem Osten hat er seit Jahren auf seine Fahne geschrieben; viele Historiker in den sozialistischen Ländern darf er seine Freunde nennen.

Freiheit der Andersdenkenden

In unterkühltem Englisch sprach er zunächst "zur Sache". Zur Debatte stand eine "Bilanz der Welt 1917/18", die der prominente DDR-Historiker und SED-Funktionär Ernst Diehl linientreu gezogen hatte. Jäckel gab zu bedenken, warum es, entgegen der Prognose von Marx, bei der Integration eines hochindustrialisierten Landes in das sozialistische Lager, der Tschechoslowakei nämlich, solche Schwierigkeiten gegeben habe, zum Beispiel 1948 und 1968. Unvermittelt sprach er dann von den Verfolgungen, denen Historiker aus der ČSSR, die noch beim letzten Kongreß in Wien vor fünf Jahren dabeigewesen waren, jetzt ausgesetzt seien. Fünfzehn Historiker "have been dismissed", und gegen ihre Entlassung wolle er ganz einfach protestieren. Er hoffe sehr, daß sie am nächsten Kongreß wieder teilnehmen dürfen.

Mit Baß und Violine

Kurz vor seiner Abreise nach Moskau hatte Jäckel erfahren, daß jene fünfzehn das gleiche Schicksal getroffen hatte wie so viele Tschechen und Slowaken: Sie dürfen aus politischen Gründen ihren Beruf nicht mehr ausüben. Jäckel hielt es für seine Pflicht, für seine Freunde einzutreten. Seinen Protest beendete er wirkungsvoll mit einem Zitat von Rosa Luxemburg: "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden."

Vielleicht war es das erste Mal, daß dieses Wort – es stammt aus einer Polemik gegen Lenins Zentralismus – in Moskau ausgesprochen wurde. Die Wirkung war entsprechend. Historiker aus der Sowjetunion und der DDR verwahrten sich mit heftigem Stimmaufwand und "zutiefst empört" gegen diesen "unsachlichen" Beitrag. Auch einer von den 140 Historikern aus der ČSSR, die nach Moskau hatten kommen dürfen, bedauerte die "politischen Bemerkungen" Jäckels, mit denen er seinen Freunden nicht geholfen, sondern nur noch mehr geschadet habe.

Dieser Aufschrei der Empörung war verständlich, denn wegen der August-Ereignisse von 1968 wäre der Kongreß beinahe geplatzt. Mehrere westliche Historiker-Verbände hatten seinerzeit beschlossen oder erwogen, die Veranstaltung in Moskau zu boykottieren. Doch bei der Eröffnung des Kongresses im Kongreßpalast des Kreml konnte Paul Harsin, der belgische Präsident von "Cish" (Congrès International des Sciences Historiques), zufrieden auf mehr als 3000 Gäste aus dem Ausland herabblicken. Nur Engländer und Norweger hatten offiziell abgesagt. Präsident Harsin machte weiter kein Aufhebens davon, nur beiläufig erwähnte er die überstandene "Krise von 1968". Aber dafür gab es sowjetische Teilnehmer, die Jäckel und anderen Historikern aus der Bundesrepublik unaufgefordert ihre Genugtuung kundtaten, daß einer auf diesem Kongreß den Consensus des Schweigens durchbrochen hatte.

Ansonsten herrschte eitel Frieden und Versöhnung. U Thant schickte ein Grußtelegramm. Das Historikerkomitee der DDR wurde endlich in den "Cish" aufgenommen – wer hätte nach Erfurt und Kassel, nach Brandts Besuch im Kreml noch widersprechen mögen? Die Vertreter der Bundesrepublik, Kanadas und des Heiligen Stuhls enthielten sich der Stimme.

Wo sich Historiker aus den beiden deutschen Staaten in Moskau begegneten – bei Sekt und Kaviar auf dem Abschiedsempfang im Restaurant "Arbad", am Frühstückstisch im Hotel "Ukraina" oder im Autobus nach Sagorsk –, gaben sich die DDR-Delegierten milde, freundlich, ja zuvorkommend. Doch in den offiziellen Diskussionen reagierten sie scharf, aggressiv, gereizt. Unverhohlener als ihre sowjetischen Kollegen verkauften sie Ideologie als Wissenschaft. Auf den täglichen Pressekonferenzen berichteten die Sprecher der DDR im Stil von Sondermeldungen. Etwa so: "Die marxistischen Historiker aller Kontinente verteidigten und behaupteten heute geschlossen und einmütig ihre Positionen."

Was als Verteidigungskampf ausgegeben wurde, hatte sich freilich längst zur Angriffsschlacht entwickelt. Noch vor Abschluß des Kongresses rühmte sich der sowjetische Professor Guber, der liebenswürdige neue Präsident des "Cish", "daß die Positionen der marxistischen Historiker auf diesem Kongreß weiter gefestigt worden sind". Wien vor fünf Jahren war der erste Einbruch der sozialistischen Historiker in die westliche Gelehrtenrepublik, Moskau war der Durchbruch. Mehr als ein Drittel der 80 Referate stammten aus den Ostblockstaaten; ihre Redner beherrschten die Szene.

Gegen die Phalanx der DDR-Kollegen hatten die Westdeutschen und Westberliner wenig ins Feld zu führen. Berühmte Ordinarien, deren Namen stolz im Programm vermerkt standen – Schieder und Skalweit, Conze und Bracher –, waren gar nicht erst erschienen; Fritz Fischer, der im Osten angesehenste deutsche Zeitgeschichtler, beschränkte sich aufs Zuhören, eine Tugend, in der sich auch Historiker aus anderen westlichen Ländern übten. In der großen Arbeitssitzung über den Faschismus hatten sich zwei Stunden nach Beginn schon dreißig Redner zu Wort gemeldet, aber nur zwei davon kamen nicht aus dem Ostblock. Der amerikanische Diskussionsleiter fühlte sich daraufhin genötigt, seine Kollegen aus dem Westen, besonders die jüngeren, zur Teilnahme aufzurufen, damit ein internationaler Meinungsaustausch zustande komme.

Mit Baß und Violine

Aber zumindest bei zeitgeschichtlichen Themen erwies sich eine wissenschaftliche Diskussion als nahezu unmöglich. Ein polnischer Professor fand für diese Situation einen treffenden Vergleich: "Der eine spielt Violine, der andere Baß." Kein Zweifel, wer den Baßpart spielte. Als sich nacheinander Historiker aus dem Vatikan, aus den USA und Österreich erkühnten, den Faschismus nicht bloß nach marxistischer Lesart zu deuten, ihn vielmehr als eine revolutionäre Alternative, als eine Bewegung gegen Kommunismus und Kapitalismus gleichermaßen, als ein höchst komplexes Gebilde auszugeben, da erhob sich der sowjetische Professor Chwostow und beschwor mit Stentorstimme die Erinnerung an die zwanzig Millionen Sowjetbürger, die im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben lassen mußten. Er vergaß höflicherweise auch nicht die enormen Blutopfer des polnischen und des jugoslawischen Volkes. "Ich kann es nicht zulassen, daß auf diesem Kongreß versucht wird, den Faschismus zu rechtfertigen. Faschismus bedeutet Krieg, Rassenwahn, Grausamkeiten." Rauschender Beifall der vielen Genossen im Saale lohnte seinen Protest. Die westlichen Historiker saßen wie vom Donnerschlag getroffen. Unangenehm berührt zeigten sich auch einige ihrer Kollegen aus Polen, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien, die immerhin bewiesen, daß sie, unbeschadet ihrer kommunistischen Ausgangsbasis, zu differenzieren wissen. "Das war Faschismus!" spottete einer von ihnen.

Chance der Konfrontation

Kein Historiker aus dem Westen wird die Illusion gehegt haben, er könne einen Kommunisten von seiner Geschichtsauffassung abbringen. Aber aus dieser Einsicht abzuleiten, dann bleibe nur noch Resignation oder Appeasement übrig, wäre voreilig. In Moskau hat sich wiederum die Erfahrung bestätigt, daß Kommunisten den mehr schätzen, der auf seinem Standort fest beharrt, als jene, die schon durch ihr Vokabular zu erkennen geben, daß sie zur Anpassung neigen. Als der Kieler Professor Erdmann nach einem erregten Streit zwischen Ost- und Westdeutschen von der "Chance der Konfrontation" sprach, pflichtete ihm ein sowjetischer Professor bei: Er sei besonders froh, daß diese Auseinandersetzung in Moskau stattfinde.

Aber die meisten Teilnehmer aus dem Westen waren nicht zum Streiten nach Moskau gereist. Die Gastgeber hatten dies auch einkalkuliert. Dieser Mammutkongreß entpuppte sich rasch als eine wissenschaftlich getarnte "Intourist"-Veranstaltung zur Aufbesserung der sowjetischen Devisenlage. Das Bemühen, den vielen Gästen – manche hatten Frau und Kind mitgebracht – den Aufenthalt an der Moskwa so angenehm wie nur möglich zu gestalten, war allenthalben zu spüren. Die gelungenste Überraschung: ein hinreißend schönes Ballett zum Auftakt des Kongresses.

Moskau konnte sich rühmen, die größte Glocke, den größten Fernsehturm und nun auch den größten Historikerkongreß in seinen Mauern zu haben. Aber die Veranstalter hatten sich zuviel zugemutet. Der umständliche Papierkrieg, die unnötigen Wartezeiten, die mangelhafte Übersetzung, die vielen Pannen und Mißgeschicke der Organisation brachten auch kühle Temperamente an den Rand der Verzweiflung.

Der Ärger wurde indes aufgewogen durch die erfreulichen Begegnungen am Rande des Kongresses. So minimal der wissenschaftliche Ertrag, so unschätzbar hoch zu veranschlagen sind private Gespräche zwischen Gelehrten, die sich bislang nur aus ihren Veröffentlichungen kannten. Fahnen aus über 70 Ländern flatterten vor der Universität auf dem Leninhügel, ein babylonisches Stimmengewirr füllte die Gänge und Säle. Wer die Tausende von Menschen aus aller Welt über die Dreieinigkeitsbrücke schreiten sah, den mochte für einen Augenblick sogar das Schillersche Gefühl übermannen, alle Menschen seien Brüder.

Aber welch ein Kontrast zwischen dem hohen Anspruch des Kongresses und der in Jahrhunderten gewachsenen, seit Stalins Zeiten noch verstärkten Fremdenfurcht in der Sowjetunion. Wer die russische Sprache beherrschte, spürte rasch das Mißtrauen des Bürgers auf der Straße, wenn er ihn ins Gespräch ziehen wollte. Russische Studenten trauten sich nicht, ihre ausländischen Kommilitonen ins Hotel zu begleiten oder ihnen Nachnamen und Adresse bekanntzugeben. Und die Weltmacht UdSSR genierte sich nicht, die Post harmloser Konferenzteilnehmer auf plumpe Weise filzen zu lassen ...

Neun Tage Anschauungsunterricht in der Hauptstadt des ersten sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates werden vielen Historikern nach ihrer Rückkehr noch lange zu denken geben – mehr, als ihren Gastgebern recht sein kann.