Kurz vor seiner Abreise nach Moskau hatte Jäckel erfahren, daß jene fünfzehn das gleiche Schicksal getroffen hatte wie so viele Tschechen und Slowaken: Sie dürfen aus politischen Gründen ihren Beruf nicht mehr ausüben. Jäckel hielt es für seine Pflicht, für seine Freunde einzutreten. Seinen Protest beendete er wirkungsvoll mit einem Zitat von Rosa Luxemburg: "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden."

Vielleicht war es das erste Mal, daß dieses Wort – es stammt aus einer Polemik gegen Lenins Zentralismus – in Moskau ausgesprochen wurde. Die Wirkung war entsprechend. Historiker aus der Sowjetunion und der DDR verwahrten sich mit heftigem Stimmaufwand und "zutiefst empört" gegen diesen "unsachlichen" Beitrag. Auch einer von den 140 Historikern aus der ČSSR, die nach Moskau hatten kommen dürfen, bedauerte die "politischen Bemerkungen" Jäckels, mit denen er seinen Freunden nicht geholfen, sondern nur noch mehr geschadet habe.

Dieser Aufschrei der Empörung war verständlich, denn wegen der August-Ereignisse von 1968 wäre der Kongreß beinahe geplatzt. Mehrere westliche Historiker-Verbände hatten seinerzeit beschlossen oder erwogen, die Veranstaltung in Moskau zu boykottieren. Doch bei der Eröffnung des Kongresses im Kongreßpalast des Kreml konnte Paul Harsin, der belgische Präsident von "Cish" (Congrès International des Sciences Historiques), zufrieden auf mehr als 3000 Gäste aus dem Ausland herabblicken. Nur Engländer und Norweger hatten offiziell abgesagt. Präsident Harsin machte weiter kein Aufhebens davon, nur beiläufig erwähnte er die überstandene "Krise von 1968". Aber dafür gab es sowjetische Teilnehmer, die Jäckel und anderen Historikern aus der Bundesrepublik unaufgefordert ihre Genugtuung kundtaten, daß einer auf diesem Kongreß den Consensus des Schweigens durchbrochen hatte.

Ansonsten herrschte eitel Frieden und Versöhnung. U Thant schickte ein Grußtelegramm. Das Historikerkomitee der DDR wurde endlich in den "Cish" aufgenommen – wer hätte nach Erfurt und Kassel, nach Brandts Besuch im Kreml noch widersprechen mögen? Die Vertreter der Bundesrepublik, Kanadas und des Heiligen Stuhls enthielten sich der Stimme.

Wo sich Historiker aus den beiden deutschen Staaten in Moskau begegneten – bei Sekt und Kaviar auf dem Abschiedsempfang im Restaurant "Arbad", am Frühstückstisch im Hotel "Ukraina" oder im Autobus nach Sagorsk –, gaben sich die DDR-Delegierten milde, freundlich, ja zuvorkommend. Doch in den offiziellen Diskussionen reagierten sie scharf, aggressiv, gereizt. Unverhohlener als ihre sowjetischen Kollegen verkauften sie Ideologie als Wissenschaft. Auf den täglichen Pressekonferenzen berichteten die Sprecher der DDR im Stil von Sondermeldungen. Etwa so: "Die marxistischen Historiker aller Kontinente verteidigten und behaupteten heute geschlossen und einmütig ihre Positionen."

Was als Verteidigungskampf ausgegeben wurde, hatte sich freilich längst zur Angriffsschlacht entwickelt. Noch vor Abschluß des Kongresses rühmte sich der sowjetische Professor Guber, der liebenswürdige neue Präsident des "Cish", "daß die Positionen der marxistischen Historiker auf diesem Kongreß weiter gefestigt worden sind". Wien vor fünf Jahren war der erste Einbruch der sozialistischen Historiker in die westliche Gelehrtenrepublik, Moskau war der Durchbruch. Mehr als ein Drittel der 80 Referate stammten aus den Ostblockstaaten; ihre Redner beherrschten die Szene.

Gegen die Phalanx der DDR-Kollegen hatten die Westdeutschen und Westberliner wenig ins Feld zu führen. Berühmte Ordinarien, deren Namen stolz im Programm vermerkt standen – Schieder und Skalweit, Conze und Bracher –, waren gar nicht erst erschienen; Fritz Fischer, der im Osten angesehenste deutsche Zeitgeschichtler, beschränkte sich aufs Zuhören, eine Tugend, in der sich auch Historiker aus anderen westlichen Ländern übten. In der großen Arbeitssitzung über den Faschismus hatten sich zwei Stunden nach Beginn schon dreißig Redner zu Wort gemeldet, aber nur zwei davon kamen nicht aus dem Ostblock. Der amerikanische Diskussionsleiter fühlte sich daraufhin genötigt, seine Kollegen aus dem Westen, besonders die jüngeren, zur Teilnahme aufzurufen, damit ein internationaler Meinungsaustausch zustande komme.