Aber zumindest bei zeitgeschichtlichen Themen erwies sich eine wissenschaftliche Diskussion als nahezu unmöglich. Ein polnischer Professor fand für diese Situation einen treffenden Vergleich: "Der eine spielt Violine, der andere Baß." Kein Zweifel, wer den Baßpart spielte. Als sich nacheinander Historiker aus dem Vatikan, aus den USA und Österreich erkühnten, den Faschismus nicht bloß nach marxistischer Lesart zu deuten, ihn vielmehr als eine revolutionäre Alternative, als eine Bewegung gegen Kommunismus und Kapitalismus gleichermaßen, als ein höchst komplexes Gebilde auszugeben, da erhob sich der sowjetische Professor Chwostow und beschwor mit Stentorstimme die Erinnerung an die zwanzig Millionen Sowjetbürger, die im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben lassen mußten. Er vergaß höflicherweise auch nicht die enormen Blutopfer des polnischen und des jugoslawischen Volkes. "Ich kann es nicht zulassen, daß auf diesem Kongreß versucht wird, den Faschismus zu rechtfertigen. Faschismus bedeutet Krieg, Rassenwahn, Grausamkeiten." Rauschender Beifall der vielen Genossen im Saale lohnte seinen Protest. Die westlichen Historiker saßen wie vom Donnerschlag getroffen. Unangenehm berührt zeigten sich auch einige ihrer Kollegen aus Polen, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien, die immerhin bewiesen, daß sie, unbeschadet ihrer kommunistischen Ausgangsbasis, zu differenzieren wissen. "Das war Faschismus!" spottete einer von ihnen.

Chance der Konfrontation

Kein Historiker aus dem Westen wird die Illusion gehegt haben, er könne einen Kommunisten von seiner Geschichtsauffassung abbringen. Aber aus dieser Einsicht abzuleiten, dann bleibe nur noch Resignation oder Appeasement übrig, wäre voreilig. In Moskau hat sich wiederum die Erfahrung bestätigt, daß Kommunisten den mehr schätzen, der auf seinem Standort fest beharrt, als jene, die schon durch ihr Vokabular zu erkennen geben, daß sie zur Anpassung neigen. Als der Kieler Professor Erdmann nach einem erregten Streit zwischen Ost- und Westdeutschen von der "Chance der Konfrontation" sprach, pflichtete ihm ein sowjetischer Professor bei: Er sei besonders froh, daß diese Auseinandersetzung in Moskau stattfinde.

Aber die meisten Teilnehmer aus dem Westen waren nicht zum Streiten nach Moskau gereist. Die Gastgeber hatten dies auch einkalkuliert. Dieser Mammutkongreß entpuppte sich rasch als eine wissenschaftlich getarnte "Intourist"-Veranstaltung zur Aufbesserung der sowjetischen Devisenlage. Das Bemühen, den vielen Gästen – manche hatten Frau und Kind mitgebracht – den Aufenthalt an der Moskwa so angenehm wie nur möglich zu gestalten, war allenthalben zu spüren. Die gelungenste Überraschung: ein hinreißend schönes Ballett zum Auftakt des Kongresses.

Moskau konnte sich rühmen, die größte Glocke, den größten Fernsehturm und nun auch den größten Historikerkongreß in seinen Mauern zu haben. Aber die Veranstalter hatten sich zuviel zugemutet. Der umständliche Papierkrieg, die unnötigen Wartezeiten, die mangelhafte Übersetzung, die vielen Pannen und Mißgeschicke der Organisation brachten auch kühle Temperamente an den Rand der Verzweiflung.

Der Ärger wurde indes aufgewogen durch die erfreulichen Begegnungen am Rande des Kongresses. So minimal der wissenschaftliche Ertrag, so unschätzbar hoch zu veranschlagen sind private Gespräche zwischen Gelehrten, die sich bislang nur aus ihren Veröffentlichungen kannten. Fahnen aus über 70 Ländern flatterten vor der Universität auf dem Leninhügel, ein babylonisches Stimmengewirr füllte die Gänge und Säle. Wer die Tausende von Menschen aus aller Welt über die Dreieinigkeitsbrücke schreiten sah, den mochte für einen Augenblick sogar das Schillersche Gefühl übermannen, alle Menschen seien Brüder.

Aber welch ein Kontrast zwischen dem hohen Anspruch des Kongresses und der in Jahrhunderten gewachsenen, seit Stalins Zeiten noch verstärkten Fremdenfurcht in der Sowjetunion. Wer die russische Sprache beherrschte, spürte rasch das Mißtrauen des Bürgers auf der Straße, wenn er ihn ins Gespräch ziehen wollte. Russische Studenten trauten sich nicht, ihre ausländischen Kommilitonen ins Hotel zu begleiten oder ihnen Nachnamen und Adresse bekanntzugeben. Und die Weltmacht UdSSR genierte sich nicht, die Post harmloser Konferenzteilnehmer auf plumpe Weise filzen zu lassen ...

Neun Tage Anschauungsunterricht in der Hauptstadt des ersten sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates werden vielen Historikern nach ihrer Rückkehr noch lange zu denken geben – mehr, als ihren Gastgebern recht sein kann.