Nur fünf Stunden dauerte das Moskauer Gipfeltreffen der Parteiführer der sieben Warschauer-Pakt-Staaten, Sowjetunion, DDR, Polen, Tschechoslowakei, Rumänien, Ungarn und Bulgarien, das kurzfristig auf Donnerstag voriger Woche anberaumt war. Außer den Partei- und Regierungschefs nahmen auch die Außenminister an der Konferenz teil, in deren Mittelpunkt der deutsch-sowjetische Vertrag stand.

Das am Freitag veröffentlichte Kommuniqué bestätigte, die Teilnehmer hätten den Vertrag als einen "wichtigen Schritt zur Entspannung und Normalisierung der Situation in Europa" einmütig begrüßt. Weiter wurden Schritte angekündigt, um bald eine gesamteuropäische Sicherheitskonferenz einzuberufen,

Die Formulierung, der Vertrag entspreche den Interessen aller Völker und diene der Entwicklung aktiver zwischenstaatlicher Beziehungen – eine Wendung aus Brandts zwanzig Punkten von Kassel –, läßt den Schluß zu, daß Moskau jetzt seinen Verbündeten den Abschluß zweiseitiger Verträge mit Bonn freigegeben hat. Diese Auffassung vertritt auch die Bundesregierung, wie Regierungssprecher von Wechmar vor der Presse mitteilte.

Als besonders bemerkenswert wurde hervorgehoben, daß das Kommuniqué mit keinem Wort auf die Forderung einging, die der letzte Ostblock-Gipfel im Dezember 1969 noch aufgestellt hatte: alle Staaten sollten gleichberechtigte Beziehungen auf völkerrechtlicher Grundlage mit der DDR aufnehmen. Der Versuch Moskaus, die DDR-Führung auf den neuen Kurs zu zwingen und ihre Hemmungen abzubauen, unterhalb einer offiziellen Anerkennung Expertengespräche zu führen, wie sie Bonn vorgeschlagen hat, war schon vor dem Gipfeltreffen verschiedentlich sichtbar geworden. So hatte die amtliche Nachrichtenagentur TASS in der Erklärung des DDR-Ministerrats zum Vertrag den entscheidenden Satz getilgt, die eingegangenen Verpflichtungen machten es "folgerichtig erforderlich", nunmehr normale diplomatische Beziehungen zwischen der DDR und der Bundesrepublik herzustellen. Kurz vor dem Treffen kritisierte die "Prawda" die "Mißgunst", die jenen Vertrag begleite.

Die umfangreiche Ostberliner Delegation – außer Ulbricht und Außenminister Winzer gehörten ihr die Politbüro-Mitglieder bzw. -Anwärter Honecker (Sicherheitsfragen), Hager (Ideologie), Mittag (Wirtschaft) und Axen (Westbeziehungen) an – traf schon einen Tag vor der Konferenz in Moskau ein und reiste als letzte Delegation wieder ab.

Daß die Sowjetführung den Ostberliner Absichten hinsichtlich des Verhältnisses zur Bundesrepublik eine Absage erteilt hat, ist sowohl aus dem Fehlen jeder Propaganda gegen Bonn wie der Nichterwähnung Berlins zu schließen. Da im Gegenteil die Zusammenarbeit herausgestellt wird, hoffen politische Kreise in Bonn, daß Moskau jetzt auch in den Viermächtebesprechungen über Berlin Entgegenkommen zeigen wird.