Die indirekten Vorverhandlungen über eine Friedensregelung für den Nahen Osten haben begonnen. Am Sitz der Vereinten Nationen in New York führt UN-Sonderbeauftragter Gunnar Jarring getrennte Unterredungen mit den Verhandlungsführern der drei beteiligten. Staaten, dem israelischen UN-Botschafter Joseph Tekoah, seinem ägyptischen Kollegen Mohammed El Zayat sowie dem jordanischen Botschafter in Washington, Abdel Hammid Sherif, der vorübergehend den UN-Delegierten seines Landes, El Farra, vertreten wird. Die drei Verhandlungsbeauftragten äußerten sich in ersten Stellungnahmen – ebenso wie UN-Generalsekretär U Thant – zuversichtlich über die Chancen der Friedensbemühungen.

Der Gesprächsbeginn war möglich geworden durch die israelische Kompromißbereitschaft bezüglich des Ortes und der diplomatischen Ebene der ersten Verhandlungsrunde. Israel hatte zunächst auf der Verhandlungsführung durch die Außenminister an einem dem Krisenherd näher gelegenen Ort bestanden. Am Wochenende wurde dann zwar Außenminister Abba Eban offiziell mit der Leitung der israelischen Delegation beauftragt, jedoch zunächst seine Vertretung durch Tekoah beschlossen. Über Prozedur und Richtlinien der Vermittlungsgespräche Jarrings sind noch keine Einzelheiten bekanntgeworden; man nimmt jedoch an, daß die Verhandlungen gemäß der schon vor. mehreren Wochen geäußerten israelischen Bereitschaft ohne Vorbedingungen und thematische Einschränkungen geführt werden. Ein erstes Zusammentreffen der drei Außenminister wird zur Eröffnung der 25. UN-Vollversammlung am 15. September für möglich gehalten.

In einem Aufruf "An unsere Freunde" forderte vor Beginn der New Yorker Gespräche die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir die Vereinigten Staaten erneut auf, dafür zu sorgen, daß "ein starkes und nicht ein schwaches Israel" in die bevorstehenden Verhandlungen gehe. Sie appellierte an die Regierung in Washington, ihr Land im Bemühen um sichere Grenzen zu unterstützen. Die Kritik an den USA wegen ihrer Zurückhaltung gegenüber den israelischen Vorwürfen, Ägypten habe die Waffenruhe verletzt, hat Außenminister Abba Eban in einer von der Opposition beantragten Sondersitzung der Knesset über die amerikanisch-israelischen Beziehungen zurückgewiesen.

Gleichzeitig wiederholte Eban jedoch seine Bedenken gegenüber der Glaubwürdigkeit ägyptischer und sowjetischer Zusagen angesichts der anhaltenden Bautätigkeit an Sam-2- und Sam-3-Raketenstellungen in der Waffenstillstandszone. Wie von einem Militärsptecher in Tel Aviv bekanntgegeben wurde, sollen derzeit "mehr als sechs, aber weniger als 15" Stellungen im Sperrgebiet auf der ägyptischen Kanalseite im Bau sein,

In Kairo hat sich unterdessen König Hussein in dreitägigen Gesprächen mit Staatspräsident Nasser über die im Zusammenhang mit dem Beginn der Gespräche auftretenden Probleme abgestimmt. Als "Essentials" der Araber für die New Yorker Friedensverhandlungen gelten danach der Rückzug Israels von allen besetzten Gebieten sowie, eine befriedigende Regelung der Flüchtlingsfrage im Sinne des Selbstbestimmungs- und Heimatrechtes der Palästinenser. Die beiden Staatschefs kamen überein, "die palästinensische Guerilla-Bewegung auf jede mögliche Weise zu stützen",

Zuvor hatte König Hussein in einem Interview mit dem amerikanischen Nachrichtenmagazin Newsweek weitere Möglichkeiten einer Beilegung des gegenwärtigen innerarabischen Konfliktes angedeutet. Er erklärte sich bereit, nach einem Rückzug der Israelis von den besetzten Gebieten westlich des Jordan Vertreter der palästinensischen Organisationen in die Regierung zu nehmen und sein Königreich in eine Konföderation umzuwandeln, innerhalb der den Palästinensern westlich des Jordan erhebliche Autonomierechte zugestanden werden könnten. Trotz der gegenwärtigen Spannungen in seinem Lande sei zu erwarten, daß eine für die arabischen Staaten annehmbare Friedensregelung bei der überwältigenden Mehrheit der jordanischen Bevölkerung Zustimmung fände, meinte Hussein. Auch eine Internationalisierung Jerusalems hält der König für möglich, sofern diese sich auf die gesamte Stadt und nicht nur auf den jordanischen Ostteil bezöge.

Sehr unterschiedliche Reaktionen löste unterdessen der Vorschlag des amerikanischen Senators Fulbright zur Regelung der Nahostkrise aus. Nach Fulbrights Ansicht sollten die USA. als Zusatz zu einer von allen Konfliktstaaten im Nahen Osten auf der Basis der Grenzen vor dem Juni krieg ratifizierten Friedensabkommen mit Israel einen bilateralen Vertrag abschließen, in dem sie eine bindende Garantie für seine Grenzen übernehmen, Auf Kritik stieß insbesondere Fulbrights Plädoyer für den Einsatz einer UN-Streitmacht, die eine Friedenslösung für den Nahen Osten notfalls mit Gewalt herbeiführen solle.