Liebe amerikanische Muttis, beleibt und ungelenk, watschelten im Badeanzug und irgendeinem Flitterüberwurf, der leider auch nichts verdeckte, auf die Bühne der Heidelberger Stadthalle, drehten eine Runde, posierten neckisch vor einer Schar Photographen und traten wieder ab; sie wurden begleitet oder gefolgt von krummbeinigen, schüchternen oder gravitätisch einherschreitenden, ähnlich karnevalistisch gewandeten Männern, die Pistolen oder Degen schwenkten oder die Zähne bleckend "Rrrrr" machten.

Das Ganze nannte sich "Science-Fiction-Kostüm-Wettbewerb" und war der erste Höhepunkt von Heicon ’70 (Heidelberg-Convention), dem 28. Weltkonvent der Science-Fiction-Clubs – eine so makabre und peinliche Szene, daß man als Beobachter des Kongresses nur die Flucht ergreifen konnte, zumal weitere angekündigte Programmpunkte nichts Besseres versprachen: Bayerischer Abend, eine Versteigerung mit freundlicher Unterstützung von ..., eine Bootsfahrt auf dem Neckar, "Kann Science-Fiction den ‚großen Knall‘ abwenden? Diskussion folgt", eine feierliche Ordenssitzung mit allen Riten und Zeremonien.

Vereinsmeierei, bumsfidele Stammtischidyllik und Provinzmief: Jeden Tag gibt es das, bei Taubenzüchtern, Männerchören oder Bierdeckelsammlern, und warum auch nicht. Bei dem internationalen Kongreß der SF-Fans, zum erstenmal auf dem europäischen Kontinent abgehalten, kam jedoch eine Mentalität zum Ausdruck, die ihre Folgen zeitigt, allein in Deutschland wöchentlich einige hunderttausend Male. Und das macht Heicon ’70 doch zu einem bedenkenswerten Ereignis.

Die Klubs bestehen in den USA seit über dreißig Jahren, der Science Fiction Club Deutschland (SFCD) seit 1955. Es gibt Hunderte solcher Vereine, die sich Fandom (etwa: Fan-kingdom) nennen und deren Aktivität in Kontakten untereinander, Korrespondenzen, permanenten Konventen und manchmal auch der Beschäftigung mit SF bestehen; jedes Fandom hat ein eigenes Fanzine (Fan-Magazine), das diesen Zirkus schriftlich fortsetzt und dessen Abnehmer wiederum Fans und Fanzine-Herausgeber sind. Ihr affiges Partei-Chinesisch, wegen der Popularität von SF-Literatur in den anglikanischen Ländern immer in englisch gehalten, wird von allen Teilnehmern der in Heidelberg vertretenen 25 Nationen perfekt beherrscht. Es gibt Neos, Neulinge und BNFs, nämlich Big Name Fans, beim Fan-Poll wird über die besten Bücher abgestimmt, TAFF ist ein Trans-Atlantic Fan Fund, APA der Zusammenschluß von Fanzines zu einer Amateur Press Alliance und der Hugo ein nach dem Gründer des ersten Fanzines benannter jährlich vergebener SF-Literaturpreis. Daß dieser ganze introvertierte Vereinsklüngel die Funktion einer Ersatzreligion hat, war dem täglichen Heidelberger Informationsblatt Panorama International zu entnehmen: "Fiawol", heißt es da, sei die Abkürzung für "Fandom is a way of life".

Gönnerhaft stolzierten viele international bekannte SF-Autoren in der Heidelberger Stadthalle umher, gaben Interviews, signierten Bücher, ließen sich bewundern und immer wieder photographieren. Hier wurde der Sinn dieser jährlichen Welt-Cons manifest: Es sind rein kommerzielle Veranstaltungen, denn ihre Teilnehmer sind die Zielgruppe aller SF-Produkte, in den Fandoms in aller Welt ist nahezu die gesamte internationale Leserschaft erfaßt. Der SFDC wurde bezeichnenderweise von einem Fan, einem Autor und einem Verlagslektor gegründet. In einer schon Jahrzehnte andauernden Wechselwirkung hat dieses Dreigespann, international unendlich vervielfältigt, den Umfang, das Niveau und den Inhalt von SF bestimmt. (Die direkte Relation von Konsumenten und Produzenten dokumentierte eine gesonderte SF-Buchausstellung.)

So wird es niemanden verwundern, daß jene Intellektualisierung, die in letzter Zeit von wenigen sporadischen, nicht in Clubs erfaßten Lesern dem SF-Genre aufgepfropft wurde, die Fans überforderte und ihr Selbstverständnis verwirrte. Zögernd stellen sie sich dem neuen Anspruch, übernehmen unverdaut ein modisches Vokabular, und unterbreiten einander verquaste Philosophien und Theorien.

Aber da hören nur wenige hin, ihr Herz hängt an etwas anderem: seitenlangen Tagungsbestimmungen, Reglements, Verfahrensweisen; Ansprachen, Begrüßungen und Besinnungsaufsätzen in altmodischem Kanzleistil; pausenloser Eigenreklame, Ämtern, Pöstchen und Heldenbrüsten voller Schildchen, Orden und Plaketten (inklusive der Bottoms, die für den Weltcon 1976 in Stockholm werben); Blumensträußchen, Ehrenpräsenten und Beifall für die Big Name Fans.