"Richard III": historisches Spektakel – "Hamlet": unverbindlich – "King John": reaktionär

Von Volker Canaris

Stratford 1970, zehn Jahre Royal Shakespeare Company (RSC). Der Anfang, 1960, war ein Wagnis. In Stratford hatten seit jeher vor allem Stars gastiert, mit ad hoc zusammengestellten Truppen, für einige Wochen. Peter Hall, der damals noch nicht dreißigjährige künstlerische Direktor der neuen RSC, wollte etwas für das gesamte englische Theatersystem Ungewöhnliches; seine Prinzipien hießen: Ensemble, Regie, Repertoire.

Hall baute ein Ensemble auf, das über so viele gute und differenzierte Schauspieler verfügte, daß, auf das Engagement von Stars weitgehend verzichtet werden konnte. Der stolze Satz: "Die RSC engagiert keine Stars, sie macht sie", läßt sich an vielen Beispielen belegen – die bekanntesten Karrieren sind die von Vanessa Redgrave, Diana Rigg und David Warner.

Dieses Ensemble wurde (und wird) zudem jung gehalten durch das System der understudies, junger Schauspieler, die vom Beginn einer Inszenierung an die großen Rollen mitprobieren: Die RSC verfügt so über ein bisher schier unerschöpfliches Reservoir an trainierten Talenten; sie kann zugleich ihr Programm genau einhalten, denn wenn ein Schauspieler ausfällt, kann sofort ein eingearbeiteter understudy einspringen.

Das jährliche Stratforder Repertoire besteht aus mindestens fünf Shakespeare-Stücken (in diesem Jahr: "Maß für Maß", "Richard III.", "Hamlet", "Die beiden Veroneser", "König Johann", "Ein Sommernachtstraum" und "Der Sturm"); gelegentlich wird auch ein Stück eines anderen Elisabethaners gezeigt (in diesem Jahr Marlowes "Dr. Faustus"). Die Saison dauert von April bis Dezember, die Premieren werden über das ganze Jahr verteilt, die Produktionen vom Ende einer Spielzeit am Beginn der nächsten meist wiederaufgenommen.

Die für die Konstruktion der RSC vielleicht wichtigste Entscheidung Halls war die Übernahme des Londoner Aldwych Theatre als zweiter Spielstätte. Hier werden, in Herbst und Winter, die wichtigen Stratforder Inszenierungen gezeigt – vor allem aber hat die RSC hier eine Bühne für moderne Stücke (im Moment sind zum Beispiel Grass’ "Plebejer" im Aldwych zu sehen): Die permanente Auseinandersetzung mit dem modernen Theater hat der Arbeit der RSC an den Stücken Shakespeares immer wieder aktuelle Impulse gegeben (jedenfalls bis jetzt).