Von Werner Dütsch

Jean-Paul Belmondo erhält in Godards "Une femme est une femme" von Anna Karina auf die Frage, warum sie traurig sei, die Antwort: "Weil ich in einer Musikkomödie mit Cyd Charisse und Gene Kelly, Choreographie von Bob Fosse, sein möchte." Dann holen beide zu Tanzbewegungen aus, die aber erstarren. Imagination, die sich hier einstellt, und Fröhlichkeit, durch Abwesenheit und Zitat impliziert, waren zweimal Anlaß zu Begeisterung auf den Berliner Filmfestspielen. Deren Retrospektive zeigte 1969 ein buntes Dutzend Musicals aus den dreißiger und vierziger Jahren und dieses Jahr acht Filme mit den top swinging partners der dreißiger Jahre: Fred Astaire und Ginger Rogers.

Definitionsschwierigkeiten: Was ist ein Musical? Jeder umfassende Kanon ließe sich leicht von schönen Beispielen umstoßen. Vielleicht am ehesten zutreffend ist die Definition für den Begriff des "Glamour" bei Josef von Sternberg: "Glamour ist die Fähigkeit, provozierend, schmachtend, verzückt, faszinierend, hinreißend und bezaubernd zu sein, alles das, um die emotionale Empfänglichkeit des Betrachters zum Vibrieren und Schwingen zu bringen."

Zutreffend ist auch die Stimme des Zensors, die in der Vergangenheit die Hersteller von Musicals und Gangsterfilmen zu hören bekamen. "Der Tanz ist eine allgemein anerkannte Kunstform und einer der Wege, um menschliche Gefühle auf eine ästhetische Art auszudrücken." So geschrieben im amerikanischen "Production Code". Aber die Wächter der Moral wußten, wohin das führen kann und auch geführt hat. Die nachfolgend zitierten Auflagen sind genau jene, die zwar formell eingehalten wurden, die Filmemachen aber zu genau derjenigen Zweideutigkeit inspirierten, die das "Vibrieren und Schwingen" in eine unmißverständliche Richtung brachten. "Tänze aber, die geschlechtliche Handlungen andeuten oder darstellen, ganz gleich ob diese Tänze allein oder zu mehreren ausgeführt werden, Tänze, die die Absicht verfolgen, beim Publikum eine gefühlsmäßige Reaktion auszulösen, Tänze, bei denen die Brüste mitbewegt werden oder der Körper übermäßig in Bewegung ist, während die Füße in Ruhe verharren, verletzen das Anstandsgefühl und sind deshalb nicht angebracht." Die Bestimmungen des "Code" übergehen auch Details nicht: "Durchsichtiges oder durchscheinendes Material und Schattenbilder sind häufig aufreizender als eine tatsächliche Entblößung." Eine einleuchtende Definition des Kostüm-Erotismus der Musicals.

Der Eros der Musicals bleibt Amerikas puritanischer Vergangenheit verpflichtet, der auch der Erotismus der Griffith-Filme, der Garbo und der Western entstammt. Wer hat die sittlichen Gefahren des Tanzes besser eingeschätzt als die Puritaner, und wer hätte gleichzeitig den subtilen Reizen von Musik und körperlicher Bewegung schlechter widerstehen können? –

Eine Geschichte des Musicals wäre, wie eine Geschichte des Kinos, die Chronik eines Mediums, das sich durch technisch-materielle Innovationen ständig verändert. Das beginnt mit den heute belächelten, aber unsere Großväter beeindruckenden Feerien der Jahrhundertwende: handkolorierten, fünfminütigen Filmen, in denen orientalische Magier Blumen in kostümierte Mädchen verwandeln, die sich zu tanzenden Ornamenten finden. Ernst Lubitsch konnte in seinen frühen deutschen Filmen – nicht den teuren Ufa-Kostümdramen – das Motiv schon aufwendiger ausbreiten, und Busby Berkeley hat es in den frühen Jahren des Tonfilms mit ganzen Hundertschaften industrialisiert, in gigantischen Traumdekorationen und üppigen Orchestern auf der Tonspur. Vorläufiges und scheinbar nicht mehr zu überbietendes Ende dieser Entwicklung ist ein Film wie "Hello Dolly": siebzig Millimeter, Farbe, Ton aus sechs Kanälen, Dekor, Stars und Statisten für etliche Millionen. Ein Vabanquespiel für die Produzenten und eine Strapaze fürs zahlende Publikum.

Das heutige Vergnügen an den Astaire-Rogers-Filmen macht nicht zuletzt ihr Alter aus. Ihr Aufwand und Tempo, ihre Ästhetik und ihre Explikationen sind durchschaubarer geworden, durchaus verblüffend noch, aber für Augen, die Italo-Western ertragen, nie überrumpelnd. Der zeitliche Abstand verleiht ihren abgelösten Standards die Patina eines aktueller Bedürfnisse enthobenen Charmes. Aber auch diese Filme machen die quantitative Leistungssteigerung ablesbar.