Die Konzentration zwingt der Presse eine neue Organisation auf: Die Aktiengesellschaft

Kaum ein anderer Wirtschaftszweig in der Bundesrepublik weist noch so viele patriarchalische Züge auf wie die Presse. Obwohl die Konzentration große Konzerne schuf, halten deren Schöpfer noch immer am alten Stil des allein verantwortlichen und allein gewaltigen Unternehmers fest; gleichgültig ob es sich um Springer, Gruner + Jahr, Spiegel, Bauer oder Burda handelt. Je nach ihrem journalistischen und politischen Temperament nehmen die Eigentümer Einfluß auf die Meinungsbildung in ihren Blättern, was ihnen niemand verwehren kann: Nach dem Gesetz hat der Verleger das ausschließliche Recht, die Linie seines Blattes zu bestimmen.

Dieses Privileg von "200 reichen Leuten", wie es der Journalist Paul Sethe einmal formuliert hat, ist bestimmt nicht der Weisheit letzter Schluß. Aber brauchbare Alternativen, die nicht gleich im öffentlich-rechtlichen Proporz versanden, gibt es noch nicht. Es gibt aber Ansätze für eine tiefgreifende Wandlung im deutschen Pressewesen, die aus der Dynamik der Konzentration entstanden sind. Ein Konzern mit Tausenden von Menschen braucht eine straffe Organisation und eine ihm adäquate Gesellschaftsform: die der Aktiengesellschaft.

Axel Springer hat daraus als erster die Konsequenz gezogen. Die Bertelsmann-Gruppe, deren Springer-Beteiligung vor kurzem geplatzt ist, tut es ihm jetzt, das heißt mit Wirkung vom 1. April 1971, nach. Und es wäre kein Wunder, wenn bald der eine oder andere der Großen, etwa Gruner + Jahr, den Beispielen folgen würde.

Zwar brauchen die Konzernherren nicht ein Quentchen Macht als Preis für das neue gesellschaftsrechtliche Kleid zu zahlen. Solange sie Alleineigentümer bleiben, ändert sich vorerst für sie nichts. Doch auf längere Sicht entwickelt eine Aktiengesellschaft ihre eigenen Lebensgesetze, die eine Distanz zwischen dem Eigentümer und seinem Werk schaffen.

Die Umwandlung eines Verlages in eine Aktiengesellschaft ist der erste Schritt in seine versachlichte Selbständigkeit. Wenn dann aus einem Aktionär zwei oder gar viele werden, weil anders das wirtschaftliche Wachstum nicht finanziert werden kann, dann ist für das mit all seinen Vor- und Nachteilen behaftete "persönliche" Verhältnis zwischen Verleger und Redakteur kaum noch Platz.

Die Entwicklung zu einer Presseindustrie, wie die Presse bezeichnenderweise in England genannt wird, hat ihre Gefahren: Wenn es einem renditebewußten Management allein darauf ankommt, Auflage zu machen, was letzten Endes nur auf Kosten der Qualität eines Blattes geht.