Von Wolfgang Wünsche

Ein verlorener Rennschuh und zwei gezogene Zähne spielten beim Endkampf des Europacups der Leichtathleten in Stockholm eine unerwartet wichtige Rolle. Doch davon später. Zwei Tage dominierte hier im alten Olympiastadion nur eine Mannschaft, die DDR. Sie hatte bis auf den versagenden Speerwerfer Manfred Stolle und den 1500-Meter-Läufer Peter Justus keinen Ausfall und gewann zum erstenmal den begehrten Cup sicherer als erwartet mit 102 Punkten vor der Sowjetunion (92,5 Punkte), der Bundesrepublik Deutschland (91), Polen (82), Frankreich (77,5), Schweden (68) und Italien (47 Punkte).

Mit echt deutscher Gründlichkeit hatte sich die DDR in einem vierwöchigen Trainingslager auf diese beiden Tage in Stockholm vorbereitet. Der 10 000-Meter-Europameister Jürgen Haase und andere Athleten sollen sich sogar im Höhenlager von Alma Ata in Kasachstan nahe der chinesischsowjetischen Grenze vorbereitet haben. Die Mannschaft mit dem blauen Trikot war also im Gegensatz zu ihren Gegnern auf die Minute fit. Wer hätte gedacht, daß der ehemalige Weitspringer Siegfried Schenke die hochdotierten französischen Sprinter besiegen würde? Da erreichte der lange, drahtige Dreispringer Jörg Drehmel gleich im ersten Versuch des Dreisprungs den deutschen Rekord von 17,07 Metern und steigerte sich sogar noch auf 17,13 Meter, so daß der völlig schockierte Olympiasieger und Weltrekordhalter Viktor Sanejew (UdSSR) mit glänzenden 17,01 Metern nur zweiter wurde. Oder man denke an den kräftigen Kugelstoßer Hartmut Briesenick, der mit 20,55 Metern den Europarekord im Kugelstoßen nur knapp verfehlte. Wolfgang Nordwig, Sieger im Stabhochsprung mit 5,35 Meter, versuchte sich sogar dreimal an der neuen Weltrekordhöhe von 5,48 Metern. Diesmal scheiterte er noch.

Selbst schwächere ostdeutsche Athleten wie der 800-Meter-Läufer Ulrich Schmidt (4.), der Hindernisläufer Ulrich Hobeck (2.) oder der 400-Meter-Hürdenläufer Christian Rudolph (4.) behaupteten sich in härtesten Duellen. Sie und viele andere störten sich nicht im geringsten an den engen Kurven der viel zu weichen, schwarzen Aschenbahn im veralteten Olympiastadion von Stockholm. Es war eine vollendete Meisterleistung der DDR in der Konzentration und Organisation auf dieses Finale hin.

Die Sowjets als knapper zweiter vor der Bundesrepublik erlitten, wie ihre Frauen beim Finale zuvor in Budapest, eine Niederlage. Die Mannschaft enttäuschte und war ohne Elan. Dabei standen in ihr überragende Athleten. Der junge 800-Meter-Sieger Jewgenij Arshanow, von dem der deutsche Meister Franz-Josef Kemper behauptet, er sei der kommende Olympiasieger in München, spurtete nach einer verbummelten Anfangsrunde von nur 56 Sekunden die zweiten 400 Meter in hervorragenden 51,8 Sekunden herunter. Eine von einem russischen Mittelstreckler nie zuvor gekannte Energieleistung. Da mußte selbst der spurtgewaltige Kemper kapitulieren.

Nun aber ernteten sie – der einstige Lehrmeister nach dem Motto: „Mit der UdSSR siegen“ – die erste Niederlage in diesem hochinteressanten Coup seit ihren Erfolgen 1965 in Stuttgart und 1967 in Kiew. Der Schüler DDR bezwang den Lehrer. Heute fahren nicht DDR-Trainer nach Moskau oder Leningrad um zu lernen, heute reisen sowjetische Staatstrainer eher nach Ostberlin, Leipzig, Jena oder Erfurt, den Leichtathletikzellen der Ostdeutschen.

Die „weiche Welle“ des Verbandes der Bundesrepublik (DLV) wurde von den Athleten nur zum Teil belohnt. Anstatt die Mannschaft wenigstens eine Woche vor dem Finale irgendwo im Schwarzwald oder in einer der vielen Sportschulen zusammenzuziehen, verzettelte sich alles in Gruppen und Grüppchen. Jeder konnte sozusagen machen, was er für richtig hielt. Da wurde zum Beispiel mit der 4 × 100-Meter-Staffel in Leverkusen, dem ersten Teil der Staffel, und in München (Staffel Teil zwei) getrennt trainiert.