Von Gerd P. Ehestorf

Bisher hat man im Zigarettenrauch, der oft über viele Stunden hin auch von Nicht- oder vielmehr Passivrauchern eingeatmet wird, etwa 500 verschiedene chemische Verbindungen nachgewiesen. Ob sie, über den Nebenstrom eingeatmet, dieselben Wirkungen haben wie beim aktiven Rauchen, ist noch fraglich. Fest steht indessen, daß der aus dem Tabakrauch gewonnene Teer krebsauslösend ist. Auf welche Weise die Teerstoffe in der Lunge Krebs hervorrufen, ist noch rätselhaft. Daß sie überhaupt auf den Lungenbläschen liegenbleiben und nicht wieder abgestoßen werden, läßt sich wahrscheinlich auf den Verlust der Flimmerhärchen zurückführen, der den Selbstreinigungsprozeß der Lunge unmöglich macht. Die auf der Bronchialschleimhaut verbleibenden Teerprodukte führen offenbar zu einer Veränderung der Basalzellen, die normalerweise von der Ciliarschicht geschützt werden.

Bei Rauchern fand man die Basalzellschicht, die bei gesunden Bronchien nur zwei Zellen stark ist, auf fünf bis zwanzig Zellen verdickt. Die dritte Veränderung, die sich bei Zigarettenrauchern sehr oft findet, ist bereits eine Praecancerose, das heißt eine Krebsvorstufe; es sind Gewebsveränderungen, die nur aus atypischen Zellen ohne Cilien bestehen. Aus diesen atypischen Basalzellen kann ein sogenannter Plattenepithelzellen-Krebs entstehen.

Als die Lungen von 80 Zigarettenrauchern, 80 Pfeifenrauchern und 80 Nichtrauchern untersucht wurden, fanden sich atypische Basalzellen bei 95,2 Prozent der Zigarettenraucher, 37 Prozent der Pfeifenraucher und bei 26 Prozent der Nichtraucher. Es ist durchaus möglich, daß diese Nichtraucher Passivraucher waren (oder in Industriegebieten mit besonders starker Luftverschmutzung gelebt hatten). Auf jeden Fall hat also der Nichtraucher, der viele Stunden in verräucherten Konferenzzimmern sitzen muß, Grund, mit Sorge an seine Cilien und seine Zukunft zu denken.

Zur Zeit sterben in der Bundesrepublik jährlich 20 000 Menschen an Lungenkrebs. Das mag manchem vielleicht noch einigermaßen harmlos erscheinen, zumal wenn er sich daran erinnert, daß in der Bundesrepublik in jedem Jahr auf der Straße infolge von Verkehrsunfällen 17 500 Menschen ihr Leben lassen. Also, könnte er folgern, ist Rauchen, was den so sehr gefürchteten Lungenkrebs angeht, nur wenig gefährlicher als die ja nun einmal unumgängliche Teilnahme am Straßenverkehr. Und das stehe schließlich in keinem Verhältnis zu dem Genuß, den ihm das Rauchen über so viele Jahre und Jahrzehnte Tag für Tag verschaffe und auf den der Nichtraucher ein Leben lang verzichten müsse, ohne doch dabei die Garantie zu haben, vom Lungenkrebs verschont zu bleiben.

Aber Lungenkrebs entsteht langsam. Das heißt, die heutigen Fälle stehen in Beziehung zu der Zahl der Raucher vor etwa 25 Jahren. Entsprechend ergibt sich aus der Zahl der jetzt Rauchenden die Zahl der Lungenkrebstoten Anfang der neunziger Jahre: Dann werden jährlich 100 000 Deutsche an Lungenkrebs sterben. Das bedeutet zugleich, daß der Lungenkrebs innerhalb der nächsten 25 Jahre allein von den heute rauchenden Deutschen mehr als eineinhalb Millionen Opfer fordern wird. Entsprechend hoch wird die Zahl der an anderen Krebsarten oder an Herz- und Gefäßkrankheiten Gestorbenen sein. Als gesichertes Ergebnis des Terry-Reports gilt: Die Sterblichkeit an Lungenkrebs liegt bei Zigarettenrauchern zehnmal so hoch wie bei Nichtrauchern. Bei starken und sehr starken Rauchern ist sie sogar zwanzig- bis dreißigmal so hoch! Als starker Raucher gilt, wer täglich mehr als 20 Zigaretten raucht, sehr starke Raucher bringen es auf vierzig und mehr. Läßt man es in der Statistik nur bei dem Unterschied Raucher oder Nichtraucher bewenden, zeigt sich, daß heute von 100 Lungenkrebstoten 90 Raucher waren.

Aber welchen wirklichen Raucher interessiert das schon? Ein 60jähriger, der seit mehr als vier Jahrzehnten raucht, vielleicht täglich 20 bis 30 Zigaretten, argumentiert, dann müsse er eigentlich längst tot sein. Und einem 20jährigen ist es ziemlich egal, was ihm als 45jährigem einmal blühen kann, und überdies meint er vielleicht, bis dahin müsse es der Wissenschaft endlich gelungen sein, ein Mittel gegen Krebs zu finden. Die meisten Raucher läßt es ziemlich kühl, wenn man ihnen vorrechnet, daß von 100 000 jetzt 30 Jahre alten Nichtrauchern nach 30 Jahren noch mehr als 66 000 am Leben sein werden, von ebenso vielen gleichaltrigen starken Zigarettenrauchern aber nur noch 46 000.