Von Rudolf Hartung

Vor einer Reihe von Jahren legte auf einer Tagung in Wuppertal der inzwischen verstorbene Germanist Hans Egon Hass mir und anderen ein Gedicht vor: von wem es sein könnte und was wir davon hielten. Es lautete: „Uns kann nicht leicht sein. / Zuviel ist Totenbesitz. / Vor mancher Blume / gilt ein Verneigen. // Die Rosen zum Beispiel. / Hinter den Blüten wahrscheinlich ein Spahn. / Man muß vorübergehen // im Sich vereinen.“

Den Autor der Verse erriet niemand, über die Qualität des Gedichts gab es verschiedene Urteile; ziemlich kritisch, daran erinnere ich mich noch genau, war das Urteil von Hans Egon Hass. Er spürte in dem Gedicht ein preziöses Moment auf, etwas Gespreiztes, etwa in den Versen „Vor mancher Blume / gilt ein Verneigen“ oder daß an Rosen man „im Sichverneigen“ vorübergehen solle. Kritisch wurde auch der erste Vers bedacht, „Uns kann nicht leicht sein“: zu bedeutungsschwanger, und auch die sprachliche Möglichkeit dieser Wendung wurde leise angezweifelt.

Der Autor des Gedichts war Ernst Meister, auch damals, vor mehr als zehn Jahren, kein unbekannter Lyriker, wenn auch ein wenig beachteter. Ein in der Stille lebender Lyriker ist der 1911 in Haspe/Westfalen geborene und dort lebende Ernst Meister immer noch, obwohl er annähernd ein Dutzend Gedichtbücher veröffentlicht hat, darunter den stattlichen Sammelband „Gedichte 1932–64“, eine Auswahl aus dem Werk dreier Jahrzehnte. Im Frühjahr brachte der ihn betreuende Verlag nun ein weiteres Bändchen heraus –

Ernst Meister: „Es kam die Nachricht“, Gedichte; Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied/Berlin; 54 S., 9,80 DM.

Der Band enthält 52 zumeist relativ kurze Gedichte; das kürzeste hat sechs Verse und lautet: „Sinnwind entriegelt, / ein Gewitter wirft / funkelnde Schlüssel / ins Zimmer. // Das ist / der Augenblick.“

Was Walter Jens bei früherer Gelegenheit festgestellt hat, daß die Sprache von Ernst Meister immer dort an „scharfer Prägnanz“ gewinnt, „wenn er der Plastizität der Bilder vertraut“: dies ist wahr auch im Hinblick auf dieses Gedicht, „funkelnde Schlüssel“, die ein Blitz ins Zimmer wirft, ist ein suggestives und unmittelbar überzeugendes Bild: eindrucksvoller noch als das von den „Lettern der Blitze“, das wir in einem Gedicht Meisters aus den fünfziger Jahren finden.