ARD, Sonntag, 30. August: „Adler zwischen 50 Sternen“, von Kurt Heinrich Hansen

Das Unternehmen war verwegen. Ein paar hundert Schnappschüsse, Amerika 1969, mit ein paar hundert Zeilen, Amerika im Spiegel seiner Poeten zu konfrontieren, Slum-Bilder, Neger-Photos, Villen-Impressionen mit Versen zu unterlegen, oh Stadt, meine schlanke Geliebte, und hinter jenem Teil der Welt von heute, der sich mit Hilfe der richtigen Belichtung einfangen läßt, mythische Konturen sichtbar zu machen, Babylon und Ninive hinter New York und die Zeichen der Danteschen Hölle hinter den meetings der Greisinnen, den Flippersälen und den Veteranenparaden...

Das Projekt, so stand zu befürchten, war von vornherein zum Scheitern verdammt. Und als sich dann die Stadt, die schlanke Geliebte, höchst realistisch als ein hochgestiefeltes Mädchen darbot, plakativ und aller Metaphernreize entkleidet, als, auf der anderen Seite, die Bilder gar zu uniform dem poetischen Wort widersprachen und bedeutungsschwere Verfremdungen gleich kolonnenweise vorbeiflimmerten, alle vier Sekunden eine Pointe, da begann dem Betrachter am Bildschirm zu schwindeln, und er mußte befürchten, an der ihm gestellten Aufgabe kläglich zu scheitern: schwere Texte zu verstehen, während des Verstehens den Verfasser zu erraten, während des Ratens die Kongruenz und Inkongruenz von Wort und Bild zu ermessen und während des Ermessens die jeweilige Bedeutung der optisch-akustischen Gegenüberstellung zu entschlüsseln. Zu viel verlangt!

Der Zuschauer begann zu ermüden, er kam nicht mehr mit, Resignation stellte sich ein – aber während er ins Träumen geriet, nicht ins Dösen, sondern eher in einen Zustand tagheller Mystik, wie Musil das nannte, einen Schwebezustand an der Grenze von Kritik und Phantasie, da erkannte er plötzlich, daß Bild und Text im gleichen Augenblick, auf einer höheren Ebene, Übereinstimmendes mitteilten, wo der Betrachter es aufgab, Bildzeile für Zeilenbild eine Botschaft zu suchen. Nicht auf die Details – auf das ihnen zugrundeliegende Muster, die anfangs nur zu erahnende, später überzeugend dominierende Konzeption kam es an in diesem scheinbar verwirrenden, in Wahrheit streng und souverän komponierten Bericht. Gezeigt werden sollte die Geschichte eines großen Entwurfs, der, verraten und vertan, noch in der Form des falschen Bewußtseins, noch als Ideologie auf die große Hoffnung verweist, in deren Zeichen er einmal entstand.

„Dies hier ist Amerika“ 45 Minuten lang wurden, in einer gewaltigen Sequenz, Traum und Wirklichkeit, Idee und Fassade, Plan und Ausführung miteinander konfrontiert, stand Zärtlichkeit auf gegen Brutalität, Entrüstung und Wildheit gegen Monotonie, sahen sich die wenigen Gerechten von den Flaggenschwingern, Kriegswerbern und amerikanischen Amerikanern umringt, verwischte die Freiheitsvision des Beginns, Wasser und Hafen und, eng umschlungen, ein Paar an der Reling, stieg man immer tiefer hinab, über Feuerleitern in Elendsbezirke, auf Friedhöfe, in eine Schrott-Wüstenei, in der das Schild Arthur Murray Dance Studio wie ein Wegzeichen der Danteschen Hölle aussah, und dann wieder hinauf, und noch einmal hinab, und je öfter das hin und her ging, desto problematischer wurde die vertraute Markierung – so sehr, daß es am Ende schien, als würde der amerikanische Traum, der von der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit, nur noch von den Armen bewahrt, während er in den Bereichen der Denkmäler und Fahnen, der Babbitts und Banken, längst zu einem Unterdrückungs-Instrument geworden ist.

Kurt Heinrich Hansen sei gedankt. Er hat gezeigt, daß man aus lauter Unmöglichkeiten – Standphotos, Musik, schwieriger Poesie – einen ebenso zarten wie leidenschaftlichen Film machen kann, einen Film, der überzeugt, weil ihm eine Konzeption zugrundeliegt. Sanft, undoktrinär und in Frageform wurde Gerichtstag gehalten, ein Gerichtstag der Poesie über ein Land und eine Gesellschaft, der gnadenloser war als der kritischste Report, weil er hinter den Symptomen die Gründe sichtbar machte, nach denen sich Armut und Reichtum, amerikanisches Glück und amerikanisches Elend bemißt. Momos