Von Nina Grunenberg

Den Tiefstand seines Faches könne er an der Frechheit der Studenten ablesen, sagte der Vize-Rektor der Universität Sofia beim Abendessen. Im Umgang mit der akademischen Jugend Bulgariens gilt für ihn die Maxime: "Studenten dürfen murmeln, aber sie haben kein Recht zum Kritisieren." Er ist Professor für Erziehungswissenschaften.

Der Vize-Rektor Atanassov war einer von 260 Rektoren, Professoren und Studenten aus 22 Nationen, die sich Ende August zehn Tage Zeit genommen hatten, um im jugoslawischen Badeort Dubrovnik das internationale Seminar "Universität heute" zu besuchen: Jeden Vormittag verdarben sie sich vier Stunden lang die Ferienlaune mit Diskussionen über Hochschulprobleme; jeden Nachmittag heiterten sie sich beim Bad in der Adria wieder auf, um sich schließlich am Abend dem wichtigsten Teil des Tages zu widmen: den offiziellen Einladungen zum Tafeln im bi- oder multilateralen Nationenkreis, in die sich die acht jugoslawischen Rektoren als Gastgeber teilten. Diesen Einladungen und den nicht zu überblickenden privaten’ Treffen am Strand und in den Dubrovniker Folklorelokalen verdankt das Universitätsseminar seit vierzehn Jahren den Ruf, die wichtigste Universitätsnachrichtenbörse auf dem Kontinent zu sein.

Für die Rektoren aus Westeuropa ist Dubrovnik der einzige Ort, an dem sie ihre Kollegen aus Osteuropa kennenlernen, Informationen austauschen und Verbindungen knüpfen können. Hier bot sich deshalb für Imre Perenyi, den Rektor der Technischen Universität Budapest, auch die beste Gelegenheit, den Präsidenten der Westdeutschen Rektorenkonferenz, Professor Hans Rumpf, beiläufig zu fragen, ob er Lust hätte, im nächsten Jahr einen Festvortrag beim Jubiläum der Maschinenbau-Fakultät in Budapest zu halten: "Wir wollen Sie nicht als Präsidenten einladen, sondern als Fachmann, dann müssen wir auch nicht über Universitätsprobleme reden."

Um Kurzschlüsse in ihren Westkontakten zu vermeiden, verzichten die osteuropäischen Rektoren nur zu gern auf politisches Beiwerk, genauso leichten Herzens aber auch auf studentische Reformdispute, die ihnen – wie einer sagte – aus den Ohren hängen. Da haben sich die Bilder in Ost und West inzwischen angeglichen: Wenn es in Dubrovnik nur nach den Rektoren und Professoren gegangen wäre, hätte jeder Redner seinen angemeldeten Beitrag zu den beiden Themen: "Forschung und Lehre im Zeichen der Universitätsreform" und "Funktion und Status des Universitätslehrkörpers im Wandel" pflichtgemäß verlesen, und ihre Hörer hätten soviel Stroh anschließend schnell wieder vergessen können. Den jugoslawischen Studenten machte es die mangelnde Brillanz der Beiträge indessen um so leichter, Anstoß zu nehmen und das Forum für ihre Zwecke umzufunktionieren.

Was die jugoslawischen Studenten konkret forderten, war nicht immer verständlich. Klar war nur, daß sie ihren Professoren völlige Unfähigkeit vorwarfen, daß sie "participation" forderten und verlangten, als "workmen" anerkannt zu werden. Dem lag die Theorie zugrunde, daß das Studium als Arbeit für die Gesellschaft gelten und bezahlt werden sollte. In den 22 Delegationen gab es kaum einen Rektor, der so etwas nicht schon gehört hätte. Sogar Professor N’Daw aus dem Senegal sagte: "In Dakar fordern sie das gleiche."

Neu war nur, daß sich auch die jugoslawischen Rektoren nicht lumpen ließen. Hier gleichen sich die Bilder nicht mehr; schon ihre eindrucksvollen Erscheinungen forderten nicht zu Parallelen – beispielsweise mit ihren westdeutschen Kollegen – heraus: Keiner sah aus wie ein Stiefbruder Rilkes; jeder war ansehnlich wie ein später Apoll, der Weissagung eher als der Wissenschaft verpflichtet, und jeder wäre für die Rolle des Ponderosa-Chefs ideal gewesen. Die älteren unter ihnen rühmten als ihre Schule der Nation die Partisanenzeit (die Photos von damals in der Brieftasche), und auch der jüngste unter ihnen sah nicht aus, als ließe er sich an- oder abschießen.