Von Petra Kipphoff

Ende März ging durch die Spalten "Vermischtes" der internationalen Presse eine Meldung, die besagte, daß Betty Friedan, Autorin des Bestsellers "Der Weiblichkeitswahn", für den 28. August zum Generalstreik aller amerikanischen Frauen aufgerufen habe. Was viele, zumal Männer, nicht recht glauben wollten: Letzte Woche kam die Nachricht über den Ozean, daß Betty Friedan tatsächlich ernst gemacht hatte mit ihrer komischen Aktion.

Dabei hat Betty Friedan, die noch häßlicher aussieht, als Männer es von einer Frau verlangen, die es nötig hat, für die Emanzipation streitsüchtig zu werden, durch jahrelanges Insistieren nie einen Zweifel daran gelassen, wie ernst sie es mit ihrem Thema nimmt. Und ihr Thema ist es nun einmal, denn mit dem 1963 erschienenen Buch "The Feminine Mystique", das 1966 unter dem Titel "Der Weiblichkeitswahn" auch in Deutschland herauskam und im Laufe der Jahre ein internationaler Bestseller wurde, hat schließlich alles angefangen – was unter anderem auch dadurch bestätigt wird, daß, wie bei jeder guten revolutionären Bewegung, viele, für die Betty Friedan die Vorarbeit geleistet hat, sich inzwischen milde bis radikal von ihr distanzieren.

Einem "Problem ohne Namen", aber von beträchtlichen Dimensionen war Betty Friedan, Hausfrau, Mutter von drei Kindern und Soziologin, mit ihrem Buch auf die Spur gekommen, und als sie Namen und Erklärung dafür gefunden, den "Weiblichkeitswahn" als eine der großen Miseren der amerikanischen Frau und Gesellschaft apostrophiert hatte, da war sie über Nacht zur gefeierten Autorin, nationalen Größe und indirekt zur Gründerin einer neuen Emanzipationsbewegung geworden (die offizielle Gründung der "National Organization for Women", kurz NOW genannt, erfolgte erst im Oktober 1966).

Daß Amerikas Frauen an einem Wahn, einer fixen Idee litten, entnahm Betty Friedan persönlichen Gesprächen, der Lektüre von Frauenzeitschriften, den Statistiken der Psychiater. Frauen, die mit Mann, Kindern, dem obligaten Haus im Grünen und der vollautomatisierten Küche eigentlich und planmäßig zum Glücklichsein bestimmt waren, entluden eine nicht näher zu benennende und unvorhergesehene Unzufriedenheit in Leserbriefspalten, auf Psychiater-Coudies, bei der Freundin. Sie genierten sich ein wenig dabei, zu Recht, denn schließlich stand ja fest, daß sie eigentlich doch glücklich waren.

Durch Interviews mit Frauen aller Schichten, durch Analysen von Frauenzeitschriften, Heiratsstatistiken, Ehehandbüchern und Studien- und Berufsausbildungsprogrammen für Frauen fand Betty Friedan schließlich heraus, daß der amerikanischen Frau zwar eine Unzahl von Rollen offeriert wurde, ein Posten aber in diesem Sortiment konstant fehlte: die Freiheit, die eigene Identität selber zu bestimmen, und das heißt, die Freiheit, die angebotenen Rollen möglicherweise alle auszuschlagen zugunsten einer selbst gewählten Bestimmung. "Amerikas Frauen", so konnte und kann Betty Friedan schließen, "sind das Produkt einer männlich dominierten Welt. Glück wird Frauen diktiert. Unabhängigkeit wird suggeriert... Die Suche der Frau nach sich selbst", das war ihr Resümee, "hat kaum begonnen. Aber jetzt ist die Zeit: gekommen, da die Stimmen des Weiblichkeitswahns nicht länger die innere Stimme übertönen können, die die Frauen dazu treibt, sich zu vollenden."

Die Revolution frißt nicht nur ihre Kinder, sondern hat gelegentlich auch Appetit auf ihre Mütter: Ein paar Jahre dauerte es schon, aber dann, ab 1966, zeitigte Betty Friedans Aufforderung an ihre Geschlechtsgenossinnen, Mut zu sich selber. zu haben, neben erwarteten auch höchst unerwartete Ergebnisse, die nicht mehr im Sinne ihres Programms waren. Aus dem Weiblichkeitswahn wurde ein Anti-Weiblichkeitswahn, und, als logische Konsequenz, ein Anti-Männer-Wahn. Betty Friedan wurden die Schlagzeilen gestohlen. Zum Beispiel von Valerie Solanas, die eine "Gesellschaft zur Ausrottung der Männer" gründete, sich selber aber als deren unfähigstes Mitglied erwies, als ihr aus einer Distanz von fünf Metern nur ein Streifschuß auf Andy Warhol gelang. Zum Beispiel von Anne Koedt, die eine Abhandlung über die Legende vom vaginalen Orgasmus verfaßte und zu dem Schluß kam, daß, wenn schon sexuelle Befriedigung sein müsse, Onanie ein sehr viel probateres Mittel sei. Zum Beispiel von Ti Grace Atkinson, die die Liebe als die "natürlichste Reaktion des Opfers auf den Mörder" entlarvte und zu dem Schluß kam, daß "Individuen, die als Frauen definiert werden, diese Definition auslöschen müssen".