Von Manfred Sack

Meine sehr liebe Niki, schrieb Manfred de la Motte aus Hannover an die könntest de nicht Phalle nach Soisy sur Ecole, könntest Du nicht bald einmal herkommen, damit wir gemeinsam einen Platz oder Park aussuchen, wo Du Deinen Nana-Garten einrichten kannst? Ich umarme Dich, Manfred. Lieber Nori, steht in einem Brief an den Düsseldorfer Professor Kricke, ich denke an unsere Gespräche in Venedig über Dein Projekt eines gigantischen "Wasserwaldes" ... Der Wasserwald soll Wurzeln schlagen. Bis Dein Herzliche Grüße, auch an die Familie, noch Manfred. Claes Oldenbourg wird animiert, noch diesen Monat zu kommen, to settle the final technical details. Und der Kunstprofessor Joseph Beuys erfuhr, das Straßen-Kunstprogramm von ausgelöst. hat bereits wundervolle Diskussionen ausgelöst... Möchten Sie 1971 nicht auch mit diesem Material "Hannover" arbeiten?

Diese Zitate aus Briefen des hannoverschen Kunstvereinsdirektors sind nicht das Ergebnis einer Indiskretion, sondern der Lektüre einer ganzseitigen Anzeige, die einen Tag vor dem offiziellen Beginn des Unternehmens einigen überregionalen Zeitungen und Zeitschriften beigegeben war, eine Einladung zugleich "an die Objekte- und Projektemacher", die keinen Brief bekommen haben, sich doch an diesem, in solchen Dimensionen ganz ungewöhnlichen Projekt zu beteiligen. Titel: "Experiment Straßenkunst Hannover."

Das Ziel ist, die ursprünglich weder für Wohnstube noch für Museum konzipierte Kunst aus ihren Gettos zu befreien, Kunst auf die Straße zu bringen, für die Straße zu entwerfen, sie nicht nur zum Accessoire, sondern zum integrierten Bestandteil der Stadt zu machen und ausdrücklich dafür zu produzieren: als "eine genauso wichtige Erlebnisdimension im Alltag... wie die ,Natur‘", wie de la Motte sagt. Und der Oberstadtdirektor Martin Neuffer, der seine Sympathie für Künstlertum auch in Umgang und Habitus zu erkennen gibt und sich die Urheberschaft mit dem Kunstvereinsdirektor teilt, hat die Version einer farbigen Stadt, "die mit Kunstwerken so vollgestopft ist wie mit Bäumen". Und wenn jemand auf die Idee kommen sollte, "einen Straßenraum" oder "einen ganzen Platzraum" künstlerisch zu gestalten, werde man womöglich bereit sein, solche "Räume" dafür zur Verfügung zu stellen.

Nachzulesen ist dies in Neuffers nächste Woche erscheinendem Buch "Städte für alle", und wer die Seiten 122ff. aufschlägt, findet, daß die niedersächsische Landeshauptstadt schon damit beschäftigt ist, das gesamte Kapitel 13 zu realisieren. Die Überschrift heißt "Die Durchsetzung mit Kunst", der Inhalt lautet, knapp skizziert: Die Stadt braucht als Ergänzung ihrer Zweckeinrichtungen und als Korrelativ die zwecklose Kunst, doch nicht bloß als schöne Zutat, sondern als einen Wesensbestandteil wie die Natur Gemeint ist einerseits die "bildende Kunst im klassischen Sinne andererseits der "neu entstehende Zweig der Ereigniskunst", welcher jetzt "vor allem an die Öffentlichkeit und auf den Markt" dränge und geeignet sei, aus passiven Kunstkonsumenten Kunstmitwirkende und Kunstmitproduzierende zu machen.

In zwanzigsten Vorschlag "für eine Politik der Städte" ist Neuffers Forderung nach einem mittelfristigen Stadtkunstplan zu lesen, demzufolge "zunächst die Stadtmitte, später der ganze öffentliche Stadtraum so rasch wie möglich mit Kunstwerken in jeder nur denkbaren Form angefüllt werden" sollte, "öffentliche Zweckbauwerke und Vorrichtungen werden als Objekte angewandter Kunst gestaltet" Und zuletzt beugt er sich dem Plebiszit: "Die Kunstwerke werden wieder entfernt, wenn die Mehrheit der Bürger das nach vier (oder, wie soeben beschlossen: drei) Jahren wünscht. Sonst wird der Stadtkunstplan ständig fortgesetzt und die Stadt auf die Dauer zum öffentlichen Ereignisraum für Kunst erweitert.

Zur Überraschung der Initiatoren hat der Stadtrat mit sehr großer Mehrheit dem Projekt zugestimmt, nachdem es eine unabhängige Kunst-Kommission aus je drei Politikern, Beamten (darunter der Stadtbauchef Hillebrecht) und Kunstsachverständigen (darunter Wieland Schmied und Bernhard Sprengel) empfohlen hatte. Sogar eine Umfrage unter den Bürgern der Stadt eine unerwartet positiv aus: 40 Prozent dafür, nur 47 Prozent dagegen.

Nun hat zwar die Kunst in Hannover schon immer eine relativ sehr starke Rolle im öffentlichen Bewußtsein gespielt, aber dennoch, sagt de Ja Motte, wäre das Projekt "für eine unvorbereitete Bevölkerung eine ungeheuerliche und wohl kaum zumutbare Überforderung, wenn nicht... didaktische Momente berücksichtigt werden". Die erste didaktische Handlung war ein außerordentlich geglücktes Volksfest, das am Sonnabend und Sonntag jeweils von Mittag bis Mitternacht in der Altstadt zweimal gut ein Fünftel der fünfhunderttausend Einwohner angezogen hat. Was das "Altstadtfest" von gewohnten Rummelplatzdarbierungen von Autoscooter bis Zuckerwatte unterschied, war eine Verquickunz von sehr verschiedenartigen, gleichwohl verwandten Amüsements, unter denen die Kunstpreise fast unmerklich geschahen und geradezu enthusiastisch zur Kenntnis genommen wurden.

Es wurde gegaukelt, gezaubert, Feuer geschickt; eine Handvoll Beat-Gruppen und auch ein Salonorchester machten Musik; vor der Marktkirche drehte einer die Orgel, in der Marktkirche schlug sie einer, und so schwungvoll (nach Noten von Bach), daß die heilige Halle zeitweise zum offenen Haus für Lustwandelnde wurde; es roch nach Bratwurstqualm, nach dem Parfüm vorüberflatternder Maxirock- und Puffärmelmädchen, nach dem gelinden Gestank von grünem Kunststoffbrei, den einige Ereigniskünstler gewaltig quellen ließen und der jedenfalls darauf hinwies, daß die alte Dame Kunst neben ihren flotten jungen Verwandten die eigentlichen Protagonisten dieses Volksstückes waren.

Wohl stellte dieser Auftritt, wie betont wurde, nur die Ouvertüre, nicht schon einen Bestandteil des Straßenkunst-Programms selber dar, aber es deutete – drei Tage vor dem offiziellen Anfang – an, wovon nun drei Jahre lang in Hannover die Rede sein wird. Die drei Programmkategorien sind:

Erstens feste Objekte "auf längere Zeit", Skulpturen also, Brunnen, Reliefs, Mosaike, Wandmalereien wie gehabt. Es begann mit kinetischen Windspielen, einer Stahlseil-Aluminiumrohr-Plastik (sofort von Kindern in Benutzung genommen), einem ästhetisch wohl rasch verderblichen Glasturm sowie mit Trauben von grell bemalten Styropor-Kuben an würdevollen Bauwerken und einer Bronzeskulptur, mannshoch, aber leicht zu übersehen, von Wotruba;

zweitens Projekte von begrenzter Lebensdauer (Tage, Wochen), nämlich Aktionen, Happenings, spielerische Unternehmen, die "den Betrachter vom passiven Genießen abbringen ..., ihn vielmehr zum Mittun, Mitspielen und somit Mitdenken anregen". Probiert wurde das beim Volksfest mit Objekten aus Kunststoffschaum, mit Babbelplastwürfeln und -würsten, um damit Straßen zu verstopfen, "glückliche Luft" durch ein Tor zu treiben, Kindern für Springspiele zu dienen, Brunnen zu verhüllen. Man sah sich auch in Spiegelwänden "verspiegelt" und eingeladen, mit roten, gelben, blauen Styropor-Quadern zu balgen oder zu bauen, Skulpturen aus eisernen Lastkarren aufzulösen und damit (Lasten) zu karren;

drittens sind genannt "kurze Ereignisse, die nicht bleiben" und bloß Erinnerung hinterlassen: Straßentheater, Musikaktionen, Pantomime und dergleichen mehr. Die Programmprobe am Wochenende bot: den Pantomimen Amiel, ein Straßentheater mit Ionescos "Kahler Sängerin" und die Multi-Media-Oper "Canzone del So!" von Schönbach-Piene-Weseler, alles unter freiem Himmel.

Die Probe dieses Altstadtfestes war hervorragend gelungen; ich habe noch niemals solche Mengen so intelligent unterhaltener, so amüsierter und aktiver Stadtbewohner gesehen wie hier – und keinen einzigen Polizisten.

Was Neuffer und de la Motte übrigens bei ihren Projektierungsarbeiten alsbald erfuhren, war eine den gedachten Rahmen sprengende Lust von Künstlern, ganze Straßen und Plätze oder deren--Bestandteile künstlerisch zu verändern; Diese Konsequenz ist unvermeidbar; es wird gefragt, ob die Mitarbeit dann nicht "schon bei grundsätzlichen stadtplanerischen Überlegungen berücksichtigt werden sollten, zum Beispiel Platzgestaltung, Entwürfe für Hochstraßen und Unterführungen, urbanistische Projekte". Claes Oldenbourg hatte der Stadt spontan eine vierhundert Meter hohe Wäscheklammer angetragen. In ihrem Schatten geraten plötzlich gewaltige Turmhausprojekte rund um die City zu niedlichen Streitobjekten. Eine Wäscheklammer, so ist zu vermuten, dürfte den Stadtbaurat ganz gewißlich interessieren.

Es bleiben, selbstverständlich, eine Menge Fragen: ob eine auch von den Bürgern "angenommene" Kunst im Stadtbild nicht dennoch eine von oben dekretierte Kunst bleibt; ob der Aktivitätsdrang, wie am Wochenende zu betrachten, wirklich gestillt werden kann und wirklich eine Spur von "Mittun, Mitdenken" gewährt; ob eine rot gestrichene Straße oder eine grünweiß getupfte Stahlbrücke mehr als eine simple Dekoration ist; ob – und dies vor allem – dergleichen überhaupt möglich ist. ohne wesentlich geänderte Auffassungen von Hauseigentum, Bodenrecht, Naturbesitz, gesellschaftlichen Zusammenhängen. Es ist die Frage also, ob es genügen wird, daß eine Stadt zwar ihr Benehmen, nicht aber zugleich ihren Charakter ändert.

Das "Experiment Straßenkunst" endet genau in drei Jahren am 31. August.