Vom 15. bis 17. August 1969 fanden sich in White Lake, 96 Kilometer südlich von Woodstock im Staat New York, 400 000 Jugendliche zu dem größten und wohl einzig wirklich gelungenen Pop-Festival der Geschichte zusammen. Michael Wadleigh, 28 Jahre alt, politischer Dokumentarfilmer, hat dort insgesamt 135 Stunden ständige Extrakt, von 16 Millimeter auf Cinemascope-Format umkopiert, ist jetzt auch in Deutschland zu sehen.

Als Dokumentation einer Anzahl großartiger Rock-, Beat-, Blues- und Folksong-Nummern enttäuscht „Woodstock“. Denn ständig vergewaltigt eine aufdringliche Film-Ästhetik die Musik: Zeitraffer, Stopptrick, Überblendungen und der überstrapazierte Opernglas-Effekt lenken von ihr ab, ein effektvoller Schnitt zerhackt sie in rhythmische Montagen, die doppelte oder dreifache Simultan-Projektion potenziert nicht die Wirkung, sondern verwirrt und verärgert, weil man ja doch immer nur ein Bild anschauen kann. Bei den „Who“ denkt man traurig an ihre live-Auftritte bei der „Tommy“-Tournee, bei den „Ten Years After“ an Matthias Weiss, der diese Gruppe frontal mit unbewegter Kamera drehte und ungleich intensivere Wirkungen erzielte. Schließlich sind viele Gruppen dem Mischpult zum Opfer gefallen, bleiben etwa die Interviews und Joan Baez zu laut, „Who“ und Joe Cocker zu leise. Bei der Auswahl fragt man sich, warum das Gehopse der “Sha Na Na“ und der „Sly and The Family Stone“ (magisches Medizinmann-Getue, Damen mit wackelndem Po) im Film blieben, die „Jefferson Airplane“ aber nicht drin sind. (Daß in der europäischen Fassung eine knappe halbe Stunde fehlt, ist eine eigenmächtige Verfügung des Verleihs).

Wichtiger ist dieser Film als Reportage von einem Mythos, als Manifestation des Lebensgefühls und des Selbstverständnisses der „Woodstock-Generation“. Sie ist, will man dem Film trauen, keineswegs revolutionär, nicht politisch und nicht sehr intellektuell, sondern sie propagiert und demonstriert ununterbrochen Glück, Liebe, Frieden, Gemeinschaft, Toleranz und erschreckend viel Naivität. Man fühlt sich, ganz wie bei den deutschen Pop-Festivals, in ein Wandervogel-Zeltlager versetzt: Der Frühsport heißt nun Yoga, die Morgenfeier transzendentale Meditation. lephonate mit Daddy und Mammy, biblische Idyllik, spielende Kinder, nackte Badende, selbst Lamm und Hund in holder Eintracht. „Gott segne euch“, tönt es wiederholt aus den Mikros.

Die eminent politischen Songtexte (furchtbar nachlässig und banal untertitelt) schienen hier kein Echo zu finden. Woodstock war das Modell eines dreitägigen jugendlichen Kleinstaates, aber keine „Gegenwelt“ tat sich.kund, eher das Pathos der großen Familie, der Nation – ein Hauch unverwüstlichen amerikanischen Pioniergeistes in all den Haschisch-Schwaden. Die Erwachsenen im Film nennen diese Jugendlichen „wundervolle Menschen“ und „liebe Kinder“, ein Polizist ist „überzeugt, daß sie alle gute Amerikaner sind“.

Doch der Regisseur meint diese Interviews ironisch, so wie er die selig lallenden Veranstalter nur durch den Kakao ziehen will. Wadleigh besteht darauf, daß sein Film ein politisches Manifest sei, und er erklärt das mit dem Schlüsseldialog aus „Easy Rider“: Die Leute werden dagegen sein, weil sie, selber unglücklich, Angst haben vor jungen Menschen, die so friedlich und harmonisch und zufrieden miteinander leben können. Für diese These sprechen immerhin die Reaktionen in Cannes (wo Wadleigh den Film Vietnam-Opfern und erschossenen amerikanischen Studenten widmete, aber als „Dreckskerl“ und „Hurensohn“ niedergeschrien wurde), in der amerikanischen Öffentlichkeit (wo der Film für Jugendliche unter achtzehn verboten ist) und in der Presse (Karl Korn ereiferte sich in der FAZ über die „in teilweise ekelhaftem Exhibitionismus agierenden Idole dieser Jugend“ und befürchtet die Mobilisierung neuer Hysterie und Enthemmung in den Kinos).

In Amerika gebe es eine klare, den Differenzierungen in Europa nicht vergleichbare Trennung zwischen links und rechts, sagt Wadleigh; ein Rock-Song sei bereits ein politischer Akt. Uns fällt es dennoch schwer in den Begeisterungs-

taumel von und über Woodstock einzustimmen; zumal es von der Tragödie in Altamont schon überschattet ist. Wolf Donner