Der Pförtner nahm nervös Haltung an. Dietrich Kittner, laut Hannoverscher Presse „zur Zeit Deutschlands bestes Ein-Mann-Kabarett“, betrat das Rathaus seiner Image losen Vaterstadt, stimmte seine Harfe und bat die Ratsherren in demutsvollem Rezitativ um Absolution: „...bekenne / daß ich schwer gesündigt haben soll / gegen das alleinige Recht der Behörde / kunstschöpferisch tätig zu werden...“

Der Eulenspiegel von der Leine wollte eine Reinigungsgebühr „absingen“, die das Ordnungsamt ihm aufgebrummt hatte – „als Strafe“, klagt er, „für meine Verwandlung vom Nestbeschmutzer zum Lokalpatrioten“. Mit je einem Eimer roter und lindgrüner Binderfarbe bewaffnet, hatte er sich wenige Tage vor dem Altstadtfest aufgemacht, Image auf Häuserwände und Straßen zu malen. Dem vergnügten Publikum gegenüber berief er sich „ausdrücklich auf den Aufruf der Kunstverwaltung dieser Stadt, Kunst auf die Straße zu bringen.“

Der Image-Maler versicherte, seine Methode werde genausoviele Arbeitskräfte nach Hannover locken wie das Straßenkunstprogramm, das sich die von Einwohnerschwund bedrohte und von einer auswärtigen Werbefirma beratene Stadtverwaltung eine Million Mark kosten lassen will: „Schließlich setzen wir Kreativität frei“, behauptete er, „statt sie durch panem et circenses zu lähmen.“ Weitere Vorzüge: „Das Image Hannovers wird durch Tünche gehoben (Wunschtraum der Behörde). Die Stadt spart Geld, weil sie nicht alles für Millionensummen von Werbefirmen machen lassen muß, wenn der Bürger es selbst erledigt (Wunschtraum des Steuerzahlers).“

Kittner fuhr schließlich auf Tournee im Glauben, seiner Vaterstadt diesmal gut gedient zu haben. Als er zurückkam, lag eine Verfügung „über die Entfernung von Malereien im öffentlichen Straßenraum“ in seinem Briefkasten. „1. Sachlage. Wir haben festgestellt, daß Sie... in der Innenstadt Hannovers Straßenflächen und Pfosten der Hochstraße ... mit Farbe bemalt haben, ohne daß Ihnen dies erlaubt worden ist. Wir fordern Sie daher auf, die Malereien innerhalb von drei Tagen zu entfernen oder entfernen zulassen. Sollten Sie dieser Verfügung in der angegebenen Zeit nicht nachkommen, werden wir die Malereien im Wege der Ersatzvornahme auf Ihre Kosten entfernen lassen. Die Höhe der Kosten wird vorläufig auf 200,– Mark veranschlagt. Wir ordnen hiermit an, daß diese Verfügung sofort vollzogen wird ..., da die Malereien geeignet sind, das Interesse der Verkehrsteilnehmer auf sich zu ziehen und somit eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellen.“

Zuerst wollte Kittner sich verteidigen: „Kunst ist fürs Volk, nicht für die Behörde!“ Dann bekam er einen Schrecken: „Nach eigener Rechtsauslegung müßte die Stadt jetzt eigentlich ihre Kunstwerke aus Sicherheitsgründen wieder aus dem Straßenbild entfernen. Hoffentlich tut sie es nicht auch noch!“ Schließlich fand er zur Einsicht: „Verwaltungs-Image, das ist: die Hochstraße wird blau angemalt. Wer rote Kleckse drauf macht, wird eingelocht.“ So zog er denn ins Rathaus ... und bereute.

Heiner Molsner