West-Berliner Realitäten: II.Die Rolle Ost-Berlins

Von Joachim Nawrocki

Berlin, im September

So ausschlaggebend die Verbindungen West-Berlins mit der Bundesrepublik für die Lebensfähigkeit dieser Stadt sind, so bedeutsam ist auch die Rolle der DDR in und um Berlin. Auch wenn der DDR im Fall Berlin von der Sowjetunion keine volle Souveränität gewährt worden ist, kann sie doch den Berliner Alltag, die "bestehende wirkliche Lage", spürbar beeinflussen. Denn die West-Berliner haben weitaus häufiger mit Behörden und Amtsträgern der DDR zu tun als mit alliierten Dienststellen, obwohl Berlin ein Vier-Mächte-Statut hat und die Zugangsrechte für West-Berlin alliierte Rechte sind.

Offizielle Kontakte zwischen West- und Ost-Berlin gibt es freilich kaum noch. Seit die Sowjetunion und die SED im Jahre 1948 die einheitliche Verwaltung der Stadt aufgekündigt haben, hat sich die Spaltung Berlins ständig vertieft. Briefe, die der Regierende Bürgermeister West-Berlins an seinen Amtskollegen in Ost-Berlin schrieb, blieben unbeantwortet. Nur noch Polizei, Feuerwehr und untergeordnete Senatsdienststellen können gelegentlich Verbindung mit Ost-Berliner Behörden aufnehmen.

Bei wichtigen Fahndungen oder, bei der Suche nach entlaufenen Kindern schickt die Kriminalinspektion Kreuzberg in West-Berlin an die Kriminalinspektion Mitte in Ost-Berlin Fernschreiben, die nicht immer beantwortet werden; Mitteilungen aus Ost-Berlin, die aufgegriffene Kinder betreffen, werden an den Senator für Familie, Jugend und Sport gerichtet. Bei Verkehrsunfällen auf den Berlin-Strecken schickt das Ost-Berliner Innenministerium ein Fernschreiben an den Senat; die Antwort wird über die West-Berliner Polizei geleitet.

Ist an der Sektorengrenze eine Ruinensprengung geplant, die Sicherheitsmaßnahmen auch auf der anderen Seite der Mauer erforderlich macht, wird dies formlos und mündlich über den Schlagbaum hinweg mitgeteilt. Wenn aber bei der Verfolgung von Flüchtlingen über die Mauer geschossen wird oder Grenzsoldaten mutwillig mit Steinen auf parkende Autos von West-Berlinern werfen, dann schalten sich bereits die Westalliierten ein und beschweren sich bei den Sowjets.