Dichterlesung I

Die Dichterlesung findet in Deutschland meist in geschlossenen Räumen geschlossener Ortschaften statt. Eine Buchhandlung Wendelich an: Ort gibt auf Plakaten stolz bekannt, daß es ihr gelungen ist, den bekannten XY zu einer Lesung aus seinem Lyrikband „Lauter lose Blätter“ oder besser: aus seinem Dokumentationsband „Akzelerationen“ zu gewinnen. Am angekündigten Abend strömt es in den großen Saal der Volkshochschule, in den Festsaal der Paul-Werkle-Halle. Viel Pensioniertes drängt sich in den ersten Reihen zusammen. Hinten sitzen zuweilen auch ein paar entschlossen dreinblickende junge Männer, die vielleicht ein Transparent bei sich haben, auf dem zu lesen steht: „Wir fordern Diskussion!“, auf jeden Fall aber eine Resolution mit sich führen, in der sie den zur Dichterlesung Geladenen, später auffordern werden, seine Alibifunktion zugunsten einer aktiven Mitarbeit aufzugeben, um nicht mehr durch die Verschleierung einer Dichterlesung zu der Perpetuierung des Systems beizutragen.

Auch Kulturhonoratioren sind gekommen. Und der verkannte Dichter des Orts, der immer nur zu Weihnachten die hübschen Feuilletons schreiben darf, sitzt mit möglichst gelockerten Zügen da: nur nichts anmerken lassen. Junge Mädchen haben Taschenbuchausgaben des Autors mitgebracht: Da wird er dann, mit ein wenig verlegenen Routinebemerkungen, seinen Namenszug, den Ort und, das, Datum einsetzen. Vielleicht noch, wenn das Mädchen besonders hübsch oder besonders erbarmungswürdig unhübsch ist, ein „herzlichst“ dazu.

Dann kommt der Autor, der jetzt, kraft der Dichterlesung, wirklich zum „Dichter“ transsubstanziiert ist. Sein ganzes Auftreten scheint sanft dem trotzen zu wollen, was da kommen soll. Er wirkt, als werde er jetzt im Augenblick zum erstenmal einem schnöden Werbemechanismus ausgesetzt, als habe er an Stelle von Haut und Anzug nur Abwehr und Empfindlichkeit. Und das Manuskript trägt er so vor sich her, als wäre es eine Mischung aus Gesangbuch und Schild. Während er einige Vorbemerkungen macht, flüstern sich die Leute einiges zu.

Die Kenner und Routiniers: „Er ist aber dicker geworden!“ „Und selbstsicherer!“ „Kein Wunder, nach dem letzten Erfolg!“

Die Naiveren: „Er sieht genau aus wie im – Fernsehen!“ „Und so menschlich bescheiden!“

Der anwesende Redakteur der Heimatzeitung macht mit seinem Leuchtkugelschreiber die ersten fliegenden Notizen. Zwar ist der Saal keineswegs verdunkelt und der Leuchtkugelschreiber eher fürs Kino und Theater gedacht... Der Dichter vorne hat sich in seine Manuskripte geworfen. Erträgt meist keinen Schlips. Er trägt oft einen Bart. Er trägt oft eine Brille. Er gleicht seinem „Image“. Manchmal trinkt er einen Schluck Wasser, das ihm die Veranstalter hingestellt haben. Er denkt, während er liest, vielleicht darüber nach, daß der Veranstalter ihn als den „vielleicht größten Lyriker im norddeutschen Raum nach der Droste-Hülshoff“ vorgestellt hat. Wenn er wollte, dürfte ihm dabei einfallen, was von Gerhard Zwerenz einst über Martin Walser verlautbarte: Walser sei der größte deutsche Dramatiker unter den Romanschreibern aus Wasserburg am Bodensee. Zwerenz dagegen, um im Bild zu bleiben, ist der größte auf Casanovas Spuren wandelnde Autor von den in der Bundesrepublik lebenden, der APO und Robert Neumann nahestehenden Sachsen über 35.