Die Badische Anilin- und Soda-Fabrik AG (BASF) in Ludwigshafen steht einem Mini-Sterverdikt etwas überrascht und ratlos gegenüber. Mit einem „Handstreich“ hat Forschungsminister Leussink die BASF-Pläne für ein Kernkraftwerk vorerst vereitelt, das das Werk Ludwigshafen mit Dampf und Strom versorgen sollte. Mitte August hatte der Minister apodiktisch erklärt, daß die atomrechtliche Genehmigung um zwei Jahre zurückgestellt werden müsse.

Eine ausreichende sachliche Begründung für diese schwerwiegende Entscheidung blieb der Wissenschaftsminister jedoch schuldig. Er meinte lediglich, es gebe bei Kernkraftwerken keine absolute Sicherheit vor Störfällen. So konnte die Öffentlichkeit sich überlegen, ob der Minister gemeint habe, Industrie und Wisssenschaftsministerium hätten sich in der Vergangenheit etwas leichtfertig über die vielfach vorgetragenen Bedenken gegen die Kernenergie hinweggesetzt.

Bisher hatte Bonn alle Projekte genehmigt, die ebenso wie in anderen Ländern strukturiert waren. Das BASF-Kernkraftwerk zeigte nun eine Neuerung: Es sollte mitten in einem chemischen Werk stehen.

Wissenschaftler, Techniker und Ingenieure teilen aber nicht alle Bedenken des Ministers. Sie weisen darauf hin, daß die Sicherheitsbestimmungen für Kernkraftwerke besonders scharf und das Betriebsverhalten im Vergleich zu konventionellen Kraftwerken und anderen Industrieanlagen besonders gut sei. Kernkraftwerke geben beispielsweise keine gesundheitsschädlichen Verbrennungsprodukte an ihre Umgebung ab, und die Ableitung radioaktiver Stoffe in Luft und Wasser liegen weit unter den als gefährlich angesehenen und international zugelassenen Werten.

Sie räumen dem Minister jedoch ein, daß die Auswirkungen von Störungen in Kernkraftwerken, wie etwa das Entweichen radioaktiver Spaltprodukte, erheblich größer sein können als bei anderen Industrieanlagen. Doch ist die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten extremer Störfälle mehr als gering.

Die Reaktorbauer der Bundesrepublik weisen in ihren Stellungnahmen zu der Entscheidung des Ministers übereinstimmend darauf hin, daß sie in allen kerntechnischen Anlagen sicherheitstechnische Maßnahmen getroffen haben, die weit über den in den Vereinigten Staaten üblichen Umfang hinausgehen.

Im Ausland wird immer wieder der hohe Stand der Sicherheitstechnik in deutschen Kernkraftwerken anerkannt. Er wurde nicht zuletzt durch verschiedene vom Wissenschaftsministerium geförderte und erfolgreich abgeschlossene Entwicklungen erreicht. Der Industrie erscheint es daher unverständlich, warum das Bonner Wissenschaftsministerium erst jetzt beschlossen hat, in einem großangelegten Forschungsprogramm die sicherheitstechnischen Anforderungen an Kernkraftwerke in Großstadtnähe noch einmal grundlegend zu überprüfen. Der Bund will dafür in den nächsten vier Jahren Mittel in Höhe von insgesamt 137 Millionen Mark bereitstellen und sich bei der Durchführung des Programms, das bislang noch nicht einmal fixiert wurde, um eine enge Zusammenarbeit mit der Industrie bemühen.