Halle

Halle-Neustadt, eine der aus dem Boden gestampften ostdeutschen Satellitenstädte. 1964 wurde der Grundstein gelegt. Heute wohnen hier schon 35 000 „neue“ Menschen (Durchschnittsalter 24 Jahre). 1976 sollen es laut Plan 120 000 sein. Straßennamen gibt es in dieser neuen sozialistischen Stadt keine mehr, auch keine Kirchen.

In Block 602 Aufgang 2 wohnt die Arbeiterfamilie Blumeier. Beide sind sie keine Kommunisten. Er ist 28 Jahre alt und Schlosser bei den Buna-Werken. Sie 27 und Kassiererin in einem sozialistischen „Supermarkt“ (80 Prozent aller ostdeutschen Frauen sind berufstätig). Ihre moderne Zweizimmerwohnung, Monatsmiete 80 Mark, haben sich die Blumeiers durch die Mitgliedschaft der Arbeiterwohnbaugenossenschaft der Buna-Werke für 1800 Mark erworben. Sie können sie auch später als Rentner behalten und an ihre Kinder vererben.

Der Arbeitstag beginnt bei den Blumeiers um sechs Uhr morgens. Er fährt mit seinem Trabant – DDR-Kleinwagen zum Preis von rund 9000 Mark, Lieferfrist zwischen drei und sechs Jahren – in sein Werk. Auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz bringt Frau Blumeier den sechs Monate alten Sohn Thomas in die Kinderkrippe (1,80 Mark pro Tag mit Verpflegung), wo sie ihn gegen fünf Uhr nachmittags, nachdem sie ihre täglichen Einkäufe erledigt hat, wieder abholt. Kinder von Schichtarbeitern dagegen bleiben die ganze 5-Tage-Woche lang in der Krippe. Gegen sechs Uhr abends kommt auch der Vater nach Hause. Man ist müde und abgespannt und bringt den Kleinen möglichst schnell ins Bett.

Ausnahmsweise wird mit einem benachbarten Ehepaar, dem einzigen, mit dem die Blumeiers in dem rund hundert Familien umfassenden Wohnblock nähere Kontakte haben, Karten gespielt. Meist wird nach dem Abendessen die kleine Privatantenne auf den Balkon geschoben und der Fernseher eingeschaltet – natürlich der westdeutsche Kanal. „Alle tun das“, erzählt Frau Blumeier, „obwohl man’s nicht tun sollte. Wenn jetzt das zweite ostdeutsche Programm eingeführt wird, dann werden wir allerdings die Westsendungen nicht mehr sehen können.“ Ein Pfarrer in Halle-Neustadt meint dazu: „Wenn auch noch das Vergnügen des Westfernsehens ausfällt, dann wird es hier noch mehr nicht eingeplante Kinder als bisher geben.“

Zusammen verdient das Ehepaar Blumeier rund 1250 Mark im Monat. Die 450 Mark, die die Frau davon erarbeitet, gehen aufs Sparkonto. Gespart wird für ein Ferienhäuschen, das sich die beiden irgendwo im Harz kaufen möchten. Auch für die jährlichen Ferien – sie hat 18, er 23 Tage Urlaub im Jahr – fällt vom Ersparten etwas ab. Dieses Jahr fahren sie in ein Betriebsferienheim in Mecklenburg. Ruderboote, Fahrräder und Sportplätze stehen dort zur Verfügung. Ein 14tägiger Aufenthalt für die ganze Familie mit Vollpension kostet 200 Mark. Die beiden letzten Sommerurlaube hatten sie an einem See in der Umgebung von Berlin verbracht.

Im Wohnzimmer stehen frische Tulpen auf dem Tisch. Im ganzen zähle ich fünf Bücher, darunter ein Kochbuch und ein Familienalbum, auf dessen erster Seite in etwas unbeholfener Zierschrift der Titel steht: „Sind wir nicht eine schöne Familie?“ Obwohl sie die kommunistische Jugendweihe an Stelle der Konfirmation empfing, hat sich Frau Blumeier ihrem Mann zuliebe kirchlich trauen lassen. „Wegen der beiden Omas“, wie sie. sich ausdrückt, ist auch ihr Thomas von einem Pastor getauft worden. Sie ist keine überzeugte Christin und schon gar keine Kirchgängerin, trotzdem findet sie: „Zu einer Stadt wie Halle-Neustadt gehört doch einfach eine Kirche.“