Das Sicherheitsbedürfnis der ČSSR, Ungarns und Rumäniens (II)

Von Peter Bender

Die Tschechoslowakei teilt mit Polen einige geschichtliche Erfahrungen. Sie wurde 1939 Opfer der Deutschen, und ihr Bündnis mit den Westmächten half ihr gar nichts. Mindestens ebenso wichtig aber sind die Unterschiede: Für Polen traten England und Frankreich in den Krieg ein, die Tschechoslowakei überantworteten sie Hitler kampflos. Vor allem aber spielte die Sowjetunion hier eine andere Rolle. Während sie gegen Warschau mit Hitler gemeinsame Sache machte und halb Polen okkupierte, erklärte sie sich bereit, die Tschechen und Slowaken gegen Deutschland zu stützen.

Die Allianz mit der Sowjetunion bot sich auch nach dem Kriege an, zumal das Verhältnis zu den Russen durch keine historischen Konflikte belastet, sondern durch panslawistische Gefühle begünstigt wurde. Auch war die kommunistische Partei in der Tschechoslowakei schon aus der Vorkriegszeit her stärker als die meisten ihrer Bruderparteien im heutigen Sowjetbereich. Außer in Bulgarien hatte die Sowjetunion nirgends so günstige Voraussetzungen, als Freund und Verbündeter auch im Volke empfunden zu werden.

Allerdings hat der Stalinismus davon viel verdorben. Und die oft sinnlose Übertreibung der Deutschengefahr, das Zerrbild, das die Propaganda von der Bundesrepublik zeichnete, bewirkten das Gegenteil des Beabsichtigten. Unter Dubček wurde dann auch diese Art von Propaganda eingestellt.

Der entscheidende Einschnitt jedoch, der das herkömmliche Freund-Feind-Bild in der ČSSR von Grund auf in Frage stellte, war der 21. August: „1968 war schlimmer als 1939: die Deutschen waren unsere Feinde, sie taten, was Feinde tun. Die Russen aber waren Unsere Freunde...“ Trotzdem sind die Deutschen für die Tschechen – für die Slowaken weniger – nach wie vor ein Problem: Die Teilung Deutschlands ist für die ČSSR ein Vorteil, die scharfe Konfrontation der beiden Teile hingegen ein Nachteil. Deshalb wäre eine Annäherung zwischen Bonn und Ostberlin ein Gewinn an Sicherheit. Überdies könnte eine Anerkennung der DDR eine gute Voraussetzung dafür bilden, daß sich auch die DDR allmählich liberalisiert. Ein sozialistisches Gesamtdeutschland jedoch liegt nicht im Interesse der Tschechoslowakei.

Die Erinnerungen an die deutsche Okkupation spielen nach wie vor eine Rolle. Aber trotz einiger Reste von Unsicherheitsgefühl im „Sudetenland“ ist die Deutschenfurcht doch erheblich abgeflaut: „Eine Konsumgesellschaft will nicht Krieg und Eroberung. Auch von den zur Zeit in Bonn bestimmenden Politikern sind solche Absichten nicht zu erwarten. Falls sie tatsächlich bestehen sollten, würden die Amerikaner ihre Ausführung verhindern.“ Was trotzdem als Sicherheitsfrage gegenüber der Bundesrepublik bleibt, sagt ein Satz: „Sie sind sechzig Millionen, wir vierzehn.“