Beobachtungen in Moskau und Washington

Von Marion Gräfin Dönhoff

Großmacht zu sein, scheint mehr Sorgen als Vergnügen zu bereiten. Unsereiner denkt manchmal, wie gigantisch die Möglichkeiten der beiden Supermächte doch sind, wie stark sie sich fühlen müssen mit allen ihren Ressourcen im Schutz des atomaren Patts.

Wer aber dann nach Moskau kommt, spürt die Vielfalt der Sorgen: Ist man für die Dritte Welt noch Modell und Hoffnung und für welche Kommunisten rund um den Globus noch Kompaß und Credo? Entwickelt sich die Wirtschaft des Westens nicht weit rascher als die eigene, die im Gestrüpp des bürokratischen Zentralismus erstickt? Sollte man ohne den Ansporn des Marktes auf die Dauer doch nicht auskommen können? Aber wenn das so wäre, würde das nicht bedeuten, daß ein solchermaßen autonomes Steuerungswerkzeug zu einer tödlichen Bedrohung der politischen Machtzentrale werden müsse?

Wer dann von Moskau nach Washington reist, in das Land, das nach dem Zweiten Weltkrieg so unerschöpflich in seiner Vitalität und Produktionskraft war, daß es immer mehr Staaten in Europa und Asien Wohlstand und Sicherheit brachte, der erlebt heute auch dort Unruhe, Sorgen und Ratlosigkeit.

Es scheint, daß jede der beiden Mächte zur Zeit ihre weltpolitische Rolle überdenkt und sich bemüht, die Außenpolitik neu zu strukturieren. Die Sowjetunion, die im Osten Songen genug hat und die danach trachtet, im Westen Entspannung und Normalisierung herbeizuführen, hat die ersten Schritte getan, als sie am 12. August den Vertrag mit der Bundesrepublik unterschrieb, der in Kraft treten wird, wenn sich der Kreml im Laufe der Viererverhandlungen in Berlin, die am 21. September beginnen, zu weiteren Schritten entschließen sollte.

Die SALT-Verhandlungen in Wien scheinen ebenfalls ein Beweis für ein solches Umdenken zu sein. Im Weißen Haus in Washington hieß es: "Noch nie in Jahrzehnten sind Gespräche über Rüstungsvereinbarungen mit den Russen so verhältnismäßig positiv verlaufen." Im Zentrum der amerikanischen Macht hofft man, daß vielleicht im nächsten Frühjahr ein Abschluß zustande kommen wird: "Wenn das gelingt, dann bedeutet dies, daß die strategische Situation durch Verhandlungen in einer Weise verändert worden ist, die weit über alles hinausgeht, was bisher geschehen ist."