The Rolling Stones: „Get Yer Ya-Ya’s Out!“; Decca SLK 16 670-P, 19 DM

Das fünfzehnte „offizielle“ Stones-Album, „Get Yer Ya-Ya’s Out“, ist ein Live-Mitschnitt zweier Konzerte im Madison Square Garden, bei denen die Rolling Stones als das vorgestellt wurden, was sie immer schon waren: „The greatest rock and roll band in the world“. Wenn ich jemandem erklären sollte, was Rockmusik für die sechziger Jahre bedeutete und wie sie das Jahrzehnt veränderte, brauchte ich ihm nur diese Platte vorzuspielen. Denn „Get Yer Ya-Ya’s Out!“ ist wie eine nachträgliche Definition von Rockmusik und gleichzeitig Fazit, das Meisterwerk der Rolling Stones und nebenbei auch das größte Rock ’n’ Roll-Album aller Zeiten. Erst wenn diese Gruppe einmal nicht mehr existieren sollte, werden wir alle viel älter geworden sein.

Den Schlüssel zu der Platte haben Mick Jagger und Keith Richard vorweg auf ihrer letzten Studio-LP, „Let It Bleed“, mit einigen Versen des „Monkey Man“ geliefert: „Ich hoffe, wir sind nicht zu messianisch oder ein bißchen zu satanisch – wir spielen gerne Blues!“ Diese Zeilen sind Selbstporträt und Apologie. Sie erklären, warum die Rolling Stones immer noch zusammen auf der Bühne auftreten. Warum Bob Dylan und die Beatles, die immer als die Messias-Figuren der Rockmusik verehrt wurden, nur deren Propheten waren und auf die größere Band hinwiesen, die ihnen folgte; eben die Rolling Stones. Sie erklären auch, warum die frustrierten Teenager aus den verrußten und deprimierenden Vorstädten, für die der Begriff Liverpool eigentlich nur das universale Synonym ist, ihren eigenen Blues mit dieser Art von Musik ausdrücken mußten.

Auf dieser Live-LP sind die Rolling Stones tatsächlich das Monstrum, das die Zuhörer hypnotisiert und auf das man alle Wunschvorstellungen projiziert. Mick Jagger, das Sex-Symbol der sechziger Jahre oder, wie Yippie-Führer Abbie Hoffmann ihn genannt hat, „unsere Myra Breckinridge“. Die Gitarristen Keith Richard und Mick Taylor, deren präzises Zusammenspiel erotisierender wirkt als die Improvisationen von Jimi Hendrix. Baßgitarrist Bill Wyman und Drummer Charlie Watts, die gemeinsam die beste Rhythmus-Sektion bilden, die eine Rodt-Band überhaupt haben kann. Sie verwirklichten an jenen beiden Novemberabenden in New York die Verheißung, die ihr Idol Chuck Berry einmal mit seinem Song „School Day“ gegeben hatte: „Rock, Rock, Rock ’n’ Roll/The feeling is there – body and soul.“ Franz Schöler