Von einer aufsehenerregenden, wenngleich etwas makabren Beobachtung berichteten kürzlich amerikanische Ärzte vom Morrisiana Hospital in New York: Rauschgiftsüchtige Mütter, so fanden sie, bringen bereits drogensüchtige Babys zur Welt. Schon im Uterus lassen sich deutliche Anzeichen einer physischen Abhängigkeit des Fötus vom Rauschgift registrieren. Immer, wenn die werdende Mutter jenes schier unüberwindliche Verlangen nach einer neuen Injektion – in fast allen beobachteten Fällen handelte es sich um Morphin oder Heroin – verspürt, wird auch der Embryo auffallend unruhig.

Diese Befunde wurden nicht etwa in klinischen Experimenten mit Affen oder anderen Versuchstieren gewonnen, sie sind vielmehr das Ergebnis direkter Untersuchungen an schwangeren, suchtkranken Patientinnen. Allein am Morrisiana Hospital, so berichtete Dr. Gerald Nathenson auf einer Konferenz über „Addiction and Withdrawal in the Neonate“ Ende Juli in New York, konnten innerhalb nur eines Monats 14 solcher Fälle registriert werden.

Angesichts des derzeit schon weit verbreiteten und noch immer zunehmenden Konsums sogenannter „harter Drogen“ wie Morphin und vor allem Heroin in den Vereinigten Staaten verspricht somit zu einem echten Problem zu werden, was bislang wohl nur als eine Art medizinisches Kuriosum Interesse fand – die Frage nämlich, wie sich rauschgiftsüchtige Säuglinge erfolgreich entwöhnen lassen.

Tatsächlich ist dieses Problem diffiziler, als es zunächst den Anschein haben mag. Meist schon innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Geburt, so fand man, kann es bei Babys rauschgiftsüchtiger Mütter nämlich zu ernstlichen Komplikationen kommen. Abgeschnitten vom bisher Drogen liefernden mütterlichen Organismus machen sich dann typische Anzeichen von Entzugssyndromen bemerkbar, die sich gewöhnlich in quälender Unruhe, Erbrechen, Durchfall und Fieber, verbunden mit Niesen, Schnupfen und überhöhter Atemtätigkeit äußern.

Die Ärzte vermuten, daß schon die Milch rauschgiftsüchtiger Mütter therapeutische Dosen der Drogen enthält und insofern, zumindest zeitweilig, die speziellen Bedürfnissee solcher Säuglinge sozusagen auf natürlichem Wege befriedigt werden. Dementsprechend war bislang eine „Therapie“ verbreitet, die zwar zweifellos das Symptom zu kurieren vermag, das ungewöhnliche Säuglingsleiden selbst indessen oft nur verschlimmert: Man verabreichte Opiumtinktur, alle drei bis sechs Stunden drei bis fünf Tropfen, in der Hoffnung, diese Dosis langsam reduzieren und so den Teufelskreis der Drogensucht gewissermaßen schleichend durchbrechen zu können. Solches Unterfangen, so zeigte sich allerdings, ist meist nur wenig erfolgreich.

Größere Hoffnungen setzt man deshalb neuerdings in die Chemotherapie der Neugeborenen-Sucht mit Hilfe von Narkotika wie Phenobarbital, Chlorpromazin und Valium, wobei besonders das letzte offensichtlich gute Erfolge bringt. Durch schrittweise Verminderung einer Ausgangsdosis von täglich einem Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht läßt sich schon innerhalb von wenigen Tagen das Ziel erreichen: Das Baby ist entwöhnt, die Sucht überwunden.

Unbeantwortet muß dabei freilich vorerst noch bleiben, inwieweit solch eine Narkotikatherapie in frühester Kindheit zu möglichen Spätschäden im zentralen Nervensystem führen kann, wie dies nicht wenige Ärzte befürchten, und ob sich auf diese Weise die ungewöhnlich hohe Letalitätsquote der Kinder um etwa zehn Prozent wird senken lassen. Tilman Neudecker