Von Karoll Stein

In einem Brief an eine Freundin schrieb Carl Einstein 1923: „Eigentlich Leben für Biographien; werden aber keine haben dank Wilhelm und Stinnes.“ Man sollte diesen Satz nicht als Beleg für die prophetische Kraft visionären Dichtertums mißverstehen, vielmehr als Zeugnis erstaunlicher politischer Weitsicht lesen: die politische Entwicklung, die mit den Namen Wilhelm und Stinnes markiert ist, werde notwendig im Faschismus enden. Und noch heute, fünfundzwanzig Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs, ist Carl Einstein nahezu vergessen. Allenfalls erinnert man sich an ihn als den Verfasser der „Kunst des 20. Jahrhunderts“ (1926 als 16. Band der Propyläen-Kunstgeschichte erschienen) – ein fundiertes Bekenntnis zur Malerei des Kubismus und eine sehr kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen Expressionismus.

Jürgen Claus hat 1966, als auf seine Initiative ein „Carl-Einstein-Preis“ gestiftet wurde, sehr nachdrücklich auf Einsteins Tätigkeit als Kunstkritiker hingewiesen. Aber der Text zur „Kunst des 20. Jahrhunderts“ ist nicht wieder gedruckt worden; und vermutlich hätte die Wiederveröffentlichung auch wenig zu einer späten Popularität beigetragen. Denn auch das literarische Werk ist bis heute kaum rezipiert worden, obgleich es zu einem wesentlichen Teil seit 1962 vorliegt, in einer Ausgabe, die Ernst Nef für den Limes-Verlag besorgt hat: der frühe Roman „Bebuquin“ (1906/09), dessen grotesk-phantastische Züge Dadaismus und Surrealismus zu antizipieren scheinen, das Drama „Die schlimme Botschaft“, das Einstein und seinem Verleger Rowohlt 1922 einen Prozeß und eine Verurteilung wegen „Gotteslästerung“ einbrachte, Lyrik, darunter ein großartiges Gedicht von 1930 „Entwurf einer Landschaft“, außerdem Essays zu literarischen und politischen Themen.

Auch die breite Woge der Expressionisten-Renaissance hat es nicht vermocht, Einstein ins Bewußtsein der literarischen Öffentlichkeit zu tragen.

Zweierlei mag eine Rezeption verhindert haben: die Hermetik seines Werks, die es gängigen literarhistorischen Kategorien entzieht, und ein radikales politisches Engagement, dessen theoretische Äußerungen sich ebensowenig orthodoxen politischen Positionen subsumieren lassen, dessen praktische Konsequenzen aber eindeutig sind – Ende des Ersten Weltkriegs gehörte Einstein zum Brüsseler Soldatenrat, dann schlug er sich, nach Berlin zurückgekehrt, auf Seiten von Spartakus, und später, 1936/39, kämpfte er, inzwischen über fünfzig Jahre alt, im Spanischen Bürgerkrieg.

Im Zuge der Veränderung des politischen Bewußtseins innerhalb und außerhalb der Universitäten ist nun freilich Carl Einstein – entgegen seiner eigenen pessimistischen Prognose – doch noch zu einer Biographie gekommen –

Sibylle Penkert: „Carl Einstein – Beiträge zu einer Monographie“: Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen; 160 S., 24,– DM.