Von Alfred Mozer

Der Vertrag zwischen Moskau und Bonn mag eine Folge des wachsenden allseitigen Willens zur Entspannung und die gefeierte Ursache für weitere weltweite Entspannung sein; In der Bundesrepublik selber hat er jedenfalls bis heute diese Entspannung nicht gebracht. Die Rechtfertigung und die Verketzerung, vom „Ausverkauf“ bis zum „Wir sind wieder wer“, führen schließlich zur nüchternen Feststellung zurück: „Es ist nichts weggegeben, was nicht bereits verspielt war.“ Natürlich kann man sich in der Bundesrepublik darüber streiten, ob es klug ist, Tatsachen eben Tatsachen zu nennen, ob es zweckmäßig ist, dies jetzt zu tun, erst 25 Jahre nach der Kapitulation, oder ob man sich entrüsten sollte, weil (bisher) das Geständnis, daß der blaue Himmel blau sei, nicht mit einem noblen Preis honoriert wurde.

Damit soll nicht bagatellisiert werden, daß Juristen sich darüber streiten, wo die Grenzen eines Textes liegen, der entweder nur einen Tatbestand registriert oder der die Möglichkeiten – theoretische Möglichkeiten – für eine künftige friedliche Veränderung dieses Tatbestandes bereits verbaut. Wobei unter Politikern immerhin bemerkt werden darf, daß sich das Leben sehr selten in juridische Formeln zwängen läßt.

Aber es ist eine verhängnisvolle Selbsttäuschung zu glauben, daß irgendwo jenseits der bundesdeutschen Grenzen – in Ost oder West – die deutsche Scheu vor der Registrierung der Tatsachen jemals als Beweis der Nichtexistenz dieser Tatsachen betrachtet wurde. Obwohl man Bonn animierte, betrachtete man es als eine Frage der deutschen Innenpolitik, ob und wann ihre verantwortlichen Staatsmänner die Lösung finden würden für die Frage: Wie sag ich’s meinem Kinde? Und manchmal hatte, um im Bilde zu bleiben, man den Eindruck, daß die Kinder vernünftiger waren als die Eltern. Der Unterschied zwischen Ost und West in der Beurteilung der bundesdeutschen Haltung gegenüber den Tatbeständen lag doch nur darin, daß der Westen Verständnis aufbrachte für das schwierige Eingeständnis, während der Osten die deutsche Scheu als die verruchter Absicht interpretierte, den Krieg noch gewinnen zu wollen.

Unbestreitbar ist, daß dieser Vertrag eine neue Lage geschaffen hat, deren Folgen jeden europäischen Bürger angehen. Zum Abschluß dieses Vertrages waren ja zwei Partner nötig. Es lohnt sich, die Ausgangslage in beiden Teilen Europas im Blick darauf zu analysieren, was kommen soll.

Die Bundesrepublik hat einen Tatbestand registriert, die Sowjetunion hat dieses Eingeständnis in einem Stil akzeptiert, der an die freudevolle Heimkehr des verlorenen Sohnes erinnert. Man könnte nachträglich fast glauben, daß die Führer in Moskau an die revanchistische Karikatur, die sie jahrelang von der Bundesrepublik gezeichnet haben, wirklich geglaubt hätten. Es stellt sich die Frage: Was hat die Sowjetunion veranlaßt, ihr Bild von der Bundesrepublik in einer so ungewöhnlichen Demonstration so radikal zu ändern, daß aus der verteufelten Fratze das strahlende Gesicht eines Helden wurde?

Die annähernd richtige Antwort darauf ist, gerade wenn man auf friedliche Koexistenz in Gesamteuropa! spekuliert; das Schlüsselproblem für die westliche Politik in der nächsten Zeit. Auch wenn man sich bewußt ist, daß so radikale Verhaltensänderungen einer Großmacht nicht aus einem, einzigen Aspekt zu interpretieren sind, läßt sich doch grosso modo die Feststellung treffen, daß Moskau. aus offensiver und nicht aus defensiver Sicht plötzlich der Bundesrepublik glauben will, was man auch dort längst wußte: daß Bonn keineswegs Pläne schmiedet für den frisch-fröhlichen Ritt nach Osten.