Von Gerhard Prause

Willkommen am Ende der Welt!“ sagt sie. Wahrscheinlich sagt sie es jedem ihrer Reisegäste, die hier aus dem Flugzeug steigen, mitten auf Lemnos, der Insel des Hephaist in der nördlichen Ägäis, die der humpelnde Gott des Erdfeuers nicht etwa freiwillig zu seinem Wohnsitz gemacht hatte, wohin er vielmehr von Vater Zeus verbannt worden war. An Hephaists Feuer läßt der von der Sonne verbrannte Flugplatz denken: braune Steppe, trostlose Einöde, weit und breit nur ein einziges Gebäude.

Nach halbstündiger Autofahrt durch felsige Landschaft und ärmliche Dörfer aber ist der Eindruck vom Ende der Welt vergessen. Da sitzen wir hoch über dem Meer an der im Freien stehenden Bar des Hotels Akti Myrina unter schattenspendendem Dach und trinken Ouzo, den griechischen Anisschnaps. „Immer ist hier Sonne“, sagt sie, „und immer weht dieser leichte, erfrischende Wind. Und immer spielt Niko seine Beethoven-Platten.“

Niko, der griechische Barkeeper, liebt Beethoven mehr als Trinkgelder, und es kümmert ihn wenig, daß die Reiseleiterin und mehr noch der Hotelmanager ihn immer wieder ermahnen, wenigstens ab und zu etwas anderes aufzulegen, weil vielleicht nicht jeder Gast von morgens bis in die Nacht Beethoven hören wolle. ‚,Also dann Bach“, sagt Niko, „oder vielleicht Schubert.“ –

„Nein“, sagt der Manager, „mal was zum Tanzen.“ – „Aber wer will denn jetzt tanzen, jetzt, in der prallen Mittagssonne“, winkt Niko ab, und dann spielt er Bachs Brandenburgisches Konzert Nummer sechs.

„Wenn der Diskothek-Raum fertig ist“, sagt der Manager, „wird Niko sich da austoben können.“ Es ist ein riesiger Raum, zum Teil in den Felsen hineingeschlagen; die rückwärtige Wand und der Boden werden vom Felsen gebildet, die Seitenwände entstanden aus den herausgebrochenen Granitsteinen, darüber liegt aus schweren Balken und Ziegeln das Dach.

Alle Gebäude hier sind aus Granit gebaut: das rustikale Restaurant, wo mittags und abends gegessen werden kann (wie die Griechen es lieben in mehreren Gängen, abwechslungsreich und interessant zubereitet, viel Fisch, sehr viel Fleisch, herrlich frische Salate), die Wirtschaftsgebäude und auch die Bungalows, in denen die Gäste wohnen und wohin ihnen morgens das Frühstück gebracht wird. Es sind geräumige Reihenbungalows mit halbmeterstarken Wänden, Granit- oder Marmorboden, hitzeabweisenden Ziegeldächern, holzverkleideten Decken, mit eingebauten Schränken, mit Dusche und WC. Jeder Bungalow – die meisten für zwei Personen, einige für eine Person, mehrere für ganze Familien – hat eine überdachte Terrasse und einen kleinen, ummauerten Garten. Da blühen Rosen, Oleander, Azaleen, Mimosen, Passiflora, Jelängerjelieber, Tamarisken; da wachsen Feigen, Oliven, Weintrauben, Pfirsiche, Zitronen, Orangen, und was reif ist, kann der Gast sich pflücken. Mit ihren idyllischen Gärten stufen sich die Bungalows den Hang hinauf, so daß man von nahezu allen einen freien Blick aufs Meer und den zum Hotelgelände gehörenden Sandstrand hat. Am Strand stehen Sonnenschirme, Liegestühle und für jene, die keine Lust haben, sich zum Essen umzuziehen und nach oben zu gehen, gibt es da auch eine Snackbar.