Das Orly-Hilton-Hotel geht mit der Zeit. An der Rezeption wird der geschätzten Kundschaft ein exzeptionelles Angebot unterbreitet. Unübersehbar steht dort ein mehrsprachiges Werbeschild: „Hilton-France présente pacojama création exclusive.“ Hilton präsentiert den Papierpyjama. Der feine Herr und natürlich auch die feine, Dame sollen fortan in Papier-schlafen. Täglich werden – so hört man – zwei dieser papierenen Wäschestücke verkauft. Preis 15 Franc. Es gibt verschiedene Größen, freilich nur einen Schnitt. Dafür dürfen Damen in Rosa und Weiß, Herren in Blau und Rot schlafen.

Die Papierindustrie ist auf dem Vormarsch. Wer heute verreist, kann schon einen erklecklichen Teil der Reiseutensilien aus Papier bestreiten. Daß Zelturlauber sich mit Tellern, Bechern, Schalen, Servietten, Frischhaltepackungen, Tischdecken, Handtüchern, Wäschebeuteln und Tragetaschen aus Papier eindecken können, ist so neu nicht. Auch wissen geplagte Mütter schon lange Papierwindeln und Papiertaschentücher zu schätzen.

Manche Reisende greifen zum Pappkoffer. Wer den Leidensweg von Gepäckstücken auf Bahnhöfen und Flugplätzen kennt, sagt sich schon lange: Kratzer, Löcher und Beulen kommen in Pappe billiger zu stehen. Neueren Datums sind dagegen Bettwäsche, Schlafsäcke und Decken aus Papier oder papierähnlichen Materialien.

Die einschlägige Industrie freilich hört das Wort „Papier“ in diesem Zusammenhang offenbar nicht gern. Der Kunde soll zwar durch neuartige, billige Papierstoffe zu rascherem Verbrauch animiert werden, aber dem Wort Papier haftet anscheinend nach Meinung einiger Werbeleute ein zu billiger Hautgout an. So wird das Papier kurzentschlossen zu Faserstoff hochstilisiert. Als wir in einem Hamburger Kaufhaus nach Papierkleidern fragten, rümpfte die Verkäuferin in der Damenkonfektionsabteilung die Nase: „Nein, so etwas führen wir nicht mehr, das mal eine kurze Epoche!“ Auch Bettwäshe, Handtücher und Waschlappen aus Papier gab es nicht. Wer sagt einem denn nun, was heutzutage für einen Reisenden alles aus Papier angeboten wird? Der Verband der Papierindustrie, sollte man meinen. Weit gefehlt. Diese Branche ist offenbar mehr zersplittert als das Heilige Römische Reich Deutscher Nation nach dem Westfälischen Frieden. Niemand hat einen Überblick, kennt das Gesamtangebot. Denn da gibt es zahllose Fachverbände für Tüten, Becher, Faltschachteln Tragetaschen und anderes, aber wenig Informationen.

Die letzten Neuheiten für „Reisen mit Papier“ bekommt man denn auch folgerichtig nicht in Papiergeschäften, sondern ausgerechnet in Läden, die die Lebensdauer von Kleidungsstücken verlängern helfen: in chemischen Reinigungen. Dort wirbt jetzt auf einem reizvollen Plakat eine junge Dame für Höschen aus Papier. Drei Stück für eine Mark fünfzig. Außerdem gibt es noch zwei verschiedene Arten von Papiernachthemden. Doch auch Herren sollen das neue Papiergefühl nicht missen müssen: Für den papierbewußten Mann gibt es in zwei Größen, in Packungen zu je drei Stück und wegen des größeren Materialverbrauchs natürlich ein wenig teurer, den Herren-Papier-Slip. Preis für eine Packung: eine Mark fünfundneunzig.

In der Testzeitschrift „DM“ äußerten sich bereits die ersten Testdamen zu den Papierhöschen: „Unter der Strumpfhose richtig – ansonsten finde ich sie etwas mini!“

„Für täglich sind sie zu teuer – höchstens mal für eine Reise.“