Ostberlin, im September

Sebastian Haffner hat mich sehr enttäuscht. Von Guttenberg und jedem Springer-Journalisten kann man den notorischen Rückwärtsgang erwarten, doch wenn Haffner bei der richtigen Verteidigung des Moskauer Vertrages sich zur moralischen Anerkennung der fortschrittlichen DDR hinreißen läßt, dann wird man selbst hier, in der Provinz, hellhörig!“ Marga S. ist Oberstufenlehrerin an einer Neustrelitzer Schule. Wir hatten uns im Pionierlager „Marschall Woroschilow“ unweit des Zierker Sees kennengelernt, als sie die vormilitärischen Übungen im Rahmen der Spartakiade der „Gesellschaft für Sport und Technik“ zu überwachen hatte. Erst im privaten Gespräch konnten wir uns vorsichtig gegenseitig „abtasten“.

Die vierzigjährige Frau S. reagierte temperamentvoll. „Natürlich haben wir gespannt nach Moskau geblickt. Je weniger Informationen die DDR-Sender brachten, um so interessierter sahen wir nach Bonn. Widerlich, diesen Schnitzler und Grote triumphieren zu sehen angesichts der Obstruktion Barzels und Kiesingers. Doch die Mehrheit unserer Elternschaft an der Schule hofft dennoch, daß Willy Brandts Vertrag nur den Anfang darstellt, um die Türen in Deutschland legal zu öffnen. Irgendwo kann ich auch Sebastian Haffner verstehen. Doch dürfen Arroganz und Demagogie des vaterlandsliebenden Guttenberg ihn nicht dazu führen, die DDR als letztlich ‚besseres Deutschland‘ zu bezeichnen. Kinder- und Jugenderziehung ist bei uns noch immer eine Frage des offenen und verhüllten Terrors. Als Mutter dreier Kinder und als seit zwei Jahrzehnten tätige Pädagogin bilde ich mir ein, etwas kompetenter zu sein als der hier gelegentlich durchreisende Herr Haffner...“

Mir war die Erregung der Lehrerin aus Neustrelitz verständlich. Am Vortag hatte ich die Schießübungen der „Jungen Garde“ Thälmanns und Ulbrichts selbst mitangesehen. Bei 27 Grad Hitze trugen die Vierzehnjährigen grau-grüne Kampfanzüge, Sie rannten, sprangen, trugen Gewehre und Munitionskästen. Die Tochter von Frau S. stand als „Bataillonskommandeur“ Katrin im Mittelpunkt des Manövers „Rote Welle“, in dem die Pioniere aus Neustrelitz gegen die Kameraden aus Borna bei Leipzig siegten.

„Alles zur Probe für die große Klassenschlacht“, resignierte ihre Mutter. „Wie soll ich mein Kind denn erziehen bei dem Druck der Umgebung?“, hatte sie mich ratlos gefragt, als wir aus dem Staub und Lärm des Kieferngehölzes in die Stadt zurückfuhren. „Mein Mann ist überzeugter Genosse. Er will mir das Westfernsehen verbieten und befolgt Frau Minister Honeckers Anordnung peinlich genau, daß an Westverwandte nicht geschrieben werden darf. Katrin und meine Söhne hängen an meiner Mutter, die in Eßlingen wohnt. Sie besucht uns alle zwei Jahre. Opa darf nicht kommen, weil er Funktionär der Sudetendeutschen Landsmannschaft ist. Mein ältester Sohn ist bei der Volksarmee, er schwört auf Ulbricht. Aber das hindert ihn nicht, in seinem Urlaub guten Freunden die Antenne fürs Westfernsehen zu basteln. Die Begierde nach verbotener geistiger Kost ist gar zu groß...“

Die politische Erziehung der Jugend trug noch nicht überall die von der SED gewünschten Früchte. An einer Oberschule in Neubrandenburg fanden die Jugendlichen am 1. September, dem Tag des Schulbeginns, den Eingang von Volkspolizisten versperrt. „Heute geht es durch die Turnhalle“, hieß es. Im Eingangsflur stand mit knallroter Farbe die befremdliche Losung: „Nieder mit Ulbricht. Wir fordern Freiheit des Denkens, Freiheit des Reisens und Freiheit der Lektüre.“

Die Genossen der Staatssicherheit waren bereits im Haus, und während die vierhundert Schüler und Lehrer eingeschüchtert vor einem riesigen Porträt des Staatsratsvorsitzenden auf dem Schulhof ihren Fahnenappell, mit Fahnenspruch und Treuegelöbnis zur Partei der Arbeiterklasse ablegten, mußten Hausmeister und Putzfrauen stundenlange Verhöre über sich ergehen lassen.