Von Peter Fuhrmann

Jubiläen ähneln zuweilen Leichenfeiern, bei denen einiges an Vergangenem gern in rosiges Licht getaucht, anderes dagegen, vor allem das Unbequeme, aus taktischen, persönlichen oder einfachen Pietätsgründen kaschiert, zur Ehrenrettung des Verblichenen häufig auch ganz verschwiegen wird. Kriterien des Verblichenen, ja des vermutlich epochalen Einschnitts, charakterisieren auch das am letzten Freitag beendete Jubiläum der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt.

Schon im vergangenen Jahr hatte Karlheinz Stockhausen, Princeps der Avantgarde und Hüter – auch Allgewaltiger – geheiligter serieller Ordnung auf Darmstadts vielgepriesenen Fluren, die Endzeit tradierter Komponiermethoden signalisiert, als er der Gesamtaufführung seiner beziehungsreichen Schöpfungsgeschichte „Aus den sieben Tagen“ die nicht unbedenklichen Zusatzbemerkungen vorausschickte, das Zeitalter des denkerischen Absolutismus gehe nun zu Ende und damit auch das Zeitalter der Kunstprodukte, die – in zunehmendem Maße – primär Produkte menschlicher Denkfähigkeit darstellten. Wohl kaum ist ihm dabei entgangen, daß er mit der Umfunktionierung der Musiker zu „möglichst rein gestimmten Instrumenten der Intuition, auf daß ES geschehen möge, ES, das Unaussprechliche, zutiefst Berührende, Unanzweifelbare...“ die allerdings mit menschlichem Denkvermögen erstellten alten wie neuen Gesetze des Komponierens außer Kurs gesetzt und die auf derlei Säulen ruhenden Ferienkurse dem Einsturz nahegebracht hat. Da er im Vorjahr nur noch gespielt, auf Fragen geantwortet, aber nichts „erklärt“ und vielleicht so die Einsicht gewonnen hatte, daß es kein tieferes Geheimnis gebe als die alte Weisheit, „Wer Ohren hat, der höre“, kam der Meister folgerichtig nun zu seiner dubiosen Einsicht zweitem Teil: „Wer keine ‚Ohren‘ hat – wer nicht auf unserer Wellenlänge ist –, wird verzweifelt diskutieren, analysieren, reden, reden: er möchte ES ja auch haben und wird verrückt, aggressiv, destruktiv, wenn andere ES einfach tun, und er ES nicht kann – obwohl er doch sooo intelligent ist...“

Daß es just zum Abschluß der Kurse unvorhergesehenermaßen aber dennoch zum Reden, Diskutieren, ja der schon jahrelang schwelende Konflikt dieses leicht angestaubten Avantgarde-Unternehmens endlich zum Platzen kam, kann als positiver Beweis dafür gelten, daß die Emanzipation der nachrückenden Generation auch vor Darmstadt keineswegs Halt gemacht hat.

Auf einen kurzen Nenner gebracht, begehrten die etwa 165 aus über 30 Ländern herangereisten Teilnehmer dagegen auf, daß sich Darmstadt zu einem reinen „Stockhausen-Festival“ („The Kingdom of Stockhausen“ nannte es ein amerikanischer Teilnehmer) entwickelt hat, auf dem der Allmächtige autoritär herrscht und in Sachen „Personalpolitik“ offensichtlich den seit dem Tode Wolfgang Steineckes im Jahre 1962 zum Leiter bestellten Ernst Thomas stets vor die Alternative des „Entweder-Oder“ stellt. Das erste der „Zehn Gebote“ findet hier volle Anwendung,

Die Rebellion griff denn auch endlich um sich, In einer Vollversammlung der Teilnehmer wurden folgende Forderungen resümiert:

  • Themen größeren internationalen Interesses, (Indien, Bali, Japan, England, USA), mit Dozenten aus diesen Ländern;
  • die Einbeziehung der Pop-Musik und des Free-Jazz in den Lehrplan;
  • die Berücksichtigung der Musikerziehung;
  • das Ausschreiben von Kursen für jüngere Dozenten;
  • die Entwicklung von Alternativen zur gesellschaftlich isolierten Behandlung von Musik (Neue Musik und Pop-Musik, Berücksichtigung politisch engagierter Musik, die gesellschaftliche Funktion der Neuen Musik);
  • die Einführung einer neuen Kurssprache (Englisch) für die Überzahl der ausländischen Teilnehmer.