Von Werner Höfer

Was hat ein Staatsoberhaupt zu erledigen, was zu ertragen? Mancherlei – etwa Hände schütteln und den Kopf hinhalten. Das eine ist beschwerlich, das andere ärgerlich, Bundespräsident Heinemann kann es aus erlittener Erfahrung bezeugen. Da war eben erst Indonesiens Staatschef sein Gast – und überall waren Kameras zur Stelle; jetzt ist Gustav Heinemann Gast des norwegischen Königs – und wieder nehmen Kameras die Verfolgung auf. Dieser Bundespräsident, der ein „Bürgerpräsident“ sein will, geriet jetzt, nach lang gestautem Verdruß, in Westberlin auf Kollisionskurs mit den Kamerageschwadern.

Schon Theodor Heuss hat sich gelegentlich schwäbisch-deutlich gegen das Kesseltreiben der Bild- und Filmreporter zur Wehr gesetzt. Heinrich Lübke sah sich den Methoden der Massenmedien so wehrlos ausgesetzt, daß Schmeichler es leicht hatten, ihm einzureden, ihm würden Fallen gestellt. Nun ist Gustav Heinemann an der Reihe, sich zu entscheiden, ob er alles hinnehmen oder sich wehren soll. Er hat sich für das letztere entschieden.

Er hält es für verzeihlich, wenn auch für unverständlich und obendrein für unerträglich, auf Schritt und Tritt von Kameras und Mikrophonen, von Scheinwerfern und Blitzlicht bedrängt und belästigt zu werden. Die Berliner Kontroverse zwischen den Absichten des Fernsehens und den Ansichten des Bundespräsidenten ist für Heinemann Anlaß, die Demarkationslinie nachzuziehen zwischen dem, was er der Öffentlichkeit bieten muß, und jenem, was er sich nicht bieten zu lassen braucht.

„Natürlich weiß ich, daß der Photoreporter oder das Fernsehteam eine Arbeit verrichten, die sie stellvertretend für die Öffentlichkeit ausüben. Jeder Politiker hat im Zeitalter des Bildes diese Bemühungen zu respektieren. Ich weiß auch, wie groß beim Publikum das Unbehagen an konventionellen und wie heftig das Bedürfnis nach interessanten Bildberichten ist. Auch darin befinden sich Politiker und Bildberichterstatter in einem Boot. So weit, so gut! Aber können diese Kameraleute und ihr Hilfstroß denn nicht etwas rücksichtsvoller – von Respekt will ich erst gar nicht reden! – auftreten? Lärm und Licht, Gedränge und Geraufe will ich ja gerade noch ertragen. Aber ich weigere mich, zum Ausstellungsobjekt umfunktioniert zu werden. Diese Weigerung bin ich auch den Menschen und den Sachen schuldig, denen ich begegne. Wenn ich mit einem Gast, dessen Muttersprache möglicherweise nicht Deutsch ist, ein Gespräch unter vier Augen führe, ist es unerträglich, dieses Gespräch durch indiskrete Richtmikrophone aufzunehmen. Nicht minder abwegig ist es, Ausstellungsgegenstände, die das Publikum interessieren sollten, optisch zu unterschlagen, weil alle Kameras auf einen besonderen Besucher, etwa den Bundespräsidenten, fixiert sind.“

„Welche Lehre ziehen Sie, Herr Bundespräsident, aus Ihren verdrießlichen Erfahrungen

„Eine rigorose Konsequenz: Ich kann mich zwar nicht sträuben, Ausstellungen zu eröffnen; ich verzichte aber darauf, sie zu besichtigen, wenn ich auf Schritt und Tritt bedrängt werde.“