Allabendlich verlassen die Herren John Tan Soy An, Loi Peng Kiong und Wong Thong Peng das Rollei-Werk in Braunschweig. Die ausländischen Mitarbeiter kommen aus Singapur und gehören zu einem Führungskader von dreißig Angestellten, die das Braunschweiger Unternehmen in dem südostasiatischen Stadtstaat angeheuert hat. Sie sollen einmal in dem jüngsten Rollei-Tochterunternehmen, der Rollei Singapore Ltd., auf der mittleren Führungsebene Aufgaben übernehmen.

Eine erste – noch behelfsmäßige – Produktion soll vor Jahresende in einer gemieteten Halle anlaufen, während gleichzeitig mit dem Bau eines großzügig geplanten Werkes begonnen wird. Zusammen mit der Rollei Singapore wurden noch die German Optical Ltd. und eine dritte – noch namenlose – Firma gegründet. Alle drei sind vorerst noch hundertprozentige Töchter des Braunschweiger Unternehmens.

Für den Sprung nach Südostasien nannte Rollei-Geschäftsführer Dr. Heinrich Peesel zwei Gründe: die steigenden Lohnkosten in der Bundesrepublik, die bei der lohnintensiven Rollei-Produktion schwer ins Gewicht fallen, und der LohnkostenVorsprung der japanischem Konkurrenz.

Seit Beginn des vergangenen Jahres sind die Kosten bei Rollei um 22 Prozent gestiegen. In dieser Steigerungsrate sind vor allem höhere Personalkosten und die Teuerung des Materials, gekürzt um die Rationalisierungseinsparungen von etwa drei bis fünf Prozent, enthalten. Das hat dazu geführt, daß die Verkaufspreise in Frankreich nach Mark-Aufwertung und Franc-Abwertung um 35 bis 40 Prozent gestiegen sind.

Auf der anderen Seite liegen die Löhne in der japanischen feinmechanischen und optischen Industrie um die Hälfte niedriger als in der Bundesrepublik. Da nun wiederum die Löhne in Singapur nur ein Drittel der japanischen Löhne betragen, hofft Rollei auf dem Weltmarkt mit der Konkurrenz aus Fernost mithalten zu können. Wie stark die deutsche optische Industrie an Boden verloren hat, zeigt ein Vergleich: Japan baut alljährlich 850 000 einäugige Spiegelreflexkameras, während in der Bundesrepublik ganze 35 000 gebaut werden.

Um diesen Markt will Rollei sich mit einer im Oktober auf den Markt kommenden, vorerst noch ganz in Braunschweig gebauten Kamera bemühen. Kostenpunkt beim Photohändler: zwischen 1000 und 1200 Mark, während japanische Konkurrenzprodukte für 700 bis 800 Mark angeboten werden. Später, wenn Rollei-Singapore in voller Aktion ist, soll der Preis heruntergehen.

An der neuen Tochtergesellschaft in Singapur soll sich der Stadtstaat mit 25 Prozent beteiligen. Ob sich an der zweiten Tochter, der German Optical, noch ein anderer Partner beteiligen wird, ist noch offen. Welche Ziele Heinrich Peesel anpeilt, zeigt eine Bemerkung: „Um unsere Spiegelreflexkamera mit Optiken auszurüsten, benötigen wir rund tausend Leute. Das ist die Größenordnung, die mir für German – Optical vorschwebt Mit tausend Leuten, so rechnet man in der Branche, kann man pro Jahr für etwa 100 000 Kameras Weitwinkel- und Teleobjektive produzieren. Das wäre immerhin das Dreifache der gegenwärtigen deutschen Produktion. Peesel ist bereit, in Singapur zwischen 30 und 40 Millionen. Mark zu investieren. Nicht zuletzt aus diesem Grund hat Rollei (Umsatz 1969 63,3 Millionen Mark) am 1. August das Kapital von 12 auf 18 Millionen Mark erhöht.

Wolf gang Müller-Haeseler