Den vergangenen Monat hindurch sprach der französische Rundfunk Millionen von Menschen mit „Liebe Auguster“ an. Gemeint waren jene, die im August Urlaub hatten, im bevorzugten Ferienmonat. Damit aber die Bäume nicht in den Himmel wachsen, gibt es im August noch ganz andere „Auguster“. Gemeint sind unendlich kleine, unendlich gemeine, Tiere, von denen ein Teil der betroffenen Bevölkerung meint, es seien „rote Bestien“, ein anderer Teil, es seien Spinnen, sehr winzig, aber hartnäckig. Setzte oder legte sich ein Auguster (erste Sorte: Mensch) ins Gras, so krochen die Auguster (zweite Sorte: Tier) an ihm empor, fraßen sich tief in seine Haut ein und tranken sein Blut. Vielleicht wurden einige dadurch sichtbar: so blutrot; ich habe nie einen von ihnen gesehen. Aber um meine Gürtellinie ist Stich an Stich. Weil es juckt, kratze ich, und das Ganze sieht aus wie eine Gürtelrose. Aber ich habe auch Stiche in den Achselhöhlen und in den Kniegelenken. Ich bin davon äußerst nervös geworden. Obwohl ich nicht Auguster (I) im eigentlichen Sinne war, sind die Auguster (II) über mich hergefallen. Ich habe das Gefühl, in Deutschland gebe es Auguster nur von der ersten, nicht von der zweiten Sorte. Deutschland ist ein schönes Land.

In Paris hatten sich im vorigen Monat so viele Menschen in Auguster (I) verwandelt, daß eine komische Sache passierte, die man jetzt aufdecken kann. Denn jetzt haben wir ja September.

Von mindestens zwei U-Bahn-Stationen weiß ich (es mögen ihrer viel mehr gewesen sein), daß weder eine Fahrkarten-Verkäuferin noch eine Knipserin vorhanden war. Die Zeit, von der unsere jungen Revolutionäre träumen, schien endlich angebrochen: Man spazierte einfach hinein in die Tiefe, die Hände in den Taschen; es war von da an im unterirdischen Paris kein Anlaß, die Hände aus den Taschen zu nehmen. Sie wissen schon, nicht wahr? Manchmal sah man allerdings schon von oben, daß unten ausnahmsweise wieder Billetverkäuferin und Knipserin tätig waren. Vorsicht! Stehenbleiben! Ruhig zur nächsten U-Bahn-Station schlendern! Richtig, diesmal war hier die Strecke frei. Mal hie, mal da. Mal da, mal hie.

Ein Fachmann, gefragt, wieso, erklärte im Vertrauen, daß einesteils zu viele Beamte auf Urlaub seien, andernteils es der U-Bahn-Direktion nicht lohnend erschiene, Hilfspersonal einzustellen, daher Fahrgeldverlust in Kauf genommen werden müsse, allerdings dabei der Trick angewendet werde, das knapp gewordene Personal mal hier, mal dort einzusetzen. „Schockwirkung“ sagte er. Und: „Wir haben zu viele Auguster. Im September sieht die Sache wieder anders aus.“

Das ist richtig. Alle Stationen sind besetzt. Wie gut, daß ich im August fleißig gefahren bin. Getreu dem Sprichwort: Qui dort en Août, dort a son coüt! (Wer im August schläft, hat nichts im Alter).

Wenn’s nur im August die Auguster nicht gäbe!