Kampen/Sylt

Ganz nackig? fragte die sechsjährige Nanne und fuchtelte mit einem Borstenpinsel in der Bauchnabelgegend der Paradiestochter herum. „Oder mit Blatt?“ – „Ganz nackig“, sagte ich. Blattlos zeigte sich auf dem Malbogen eine rosa lachende Eva, deren strahlendes Gesicht ein noch gutes Gewissen vor Gott und Adam verhieß. Nanne war zufrieden. „Adam geht nicht mit drauf. Den mach’ ich extra.“ Während Nanne sich auf dem Fußboden nachdenklich mit männlicher Anatomie befaßte, hätte sie wenige hundert Meter weiter im Kampener Strandsand hinreichend Modelle gehabt. Aber der Sand-Wasser-Matsch-Spiele überdrüssig, war sie mit zwanzig anderen Kindern zwischen vier und vierzehn in die „Sturmhaube“ gekommen, um zwei Stunden lang frei mit Färben auf großen Formaten hantieren zu können.

Der schmale Raum, eigentlich fernsehenden Kurgästen vorbehalten, wurde für sechs Ferienwochen zweckentfremdet und füllte sich dienstags und donnerstags mit südamerikanischer Musik und Kindern, die Lust hatten, gemeinsam riesige Drachen, orientalische Städte, Katzen, Tiger oder Bauchtänzerinnen zu entwerfen.

Die jüngsten Kinder waren am unbefangensten. Ihre vitalen Farbkompositionen blieben unbeeinflußt von der Lust am „Sonnenuntergang“ oder aquarellierten „Seestücken“. Und nur einmal kostete es mich erhebliche List, einem zwölfjährigen Mädchen den von Erwachsenen inspirierten „Ausblick aufs Meer zwischen Dünen mit Möwen“ sanft auszureden. Statt dessen malte sie ein farbiges Monstrum auf eine sechs Meter lange Papierrolle. Die Kinder begriffen schnell, daß Bilder im Sinne naturalistischer Wiedergabe nicht gewünscht wurden, sondern daß es um farbliche und formale Differenzierung, Blattaufteilung, originäre, von jedweder Beeinflussung unabhängige bildnerische Lösungen ging.

Die Themen waren daher fast immer so ausgesucht, daß „Vor-Bilder“ dafür fehlten. Aus der Stärke eigener Imagination erfanden die Kinder Farbzusammenhänge. Natürlich durften sie auch selber das Sujet geben. Fast immer wählten sie aber das gemeinsam gestellte Motiv, das oft in eine Geschichte verpackt war. Die fertigen Bilder, an einer Wäscheleine quer durch den Raum gehängt, forderten jedes Kind zum kritischen Vergleich, ohne daß Werturteile gefällt wurden.

Abseits von der Saisonschickeria, der Claque um Sachs, Orsini oder Beitz, unbeleckt vom Touch und Tratsch der Tennentänzer oder Gogärtnerinnen, malten sich die Kampener Kinder ihre eigenen Gärten mit bunten Vögeln, Phantasiebäumen, Wunderblumen und Schmetterlingen. Die Mini-Malschule in Kampen, kleine Schwester der Malstube in der Hamburger Kunsthalle, ließ sich nach sechs Wochen mit einer Ausstellung im Kaamp-Hüs sehen. Sie zeigte sich mit den hundert schönsten Bildern.

Kurdirektor Jessen, dessen Organisation und Unterstützung die Verwirklichung des Projektes zu danken war, gratulierte der vierjährigen Kristina Rauen aus Hamburg zum ersten Preis, den sie mit einem Porträt von drei Hunden gewann, die zweifüßig, grün und rosa, auf einer schwarzen Fläche spielen.