„Die Bildnisse Richard Wagners“, herausgegeben von Martin Geck. Die Stars waren auch schon vor hundert Jahren außerordentlich empfindlich. „Der Unmensch von Künstler hatte es für geeignet gehalten, mir, ohne daß ich dessen inne werden konnte, eine recht affectirte Stellung, mit nach der Seite hin verdrehtem Auge, zu gehen: Mir ist das daraus entstandene Portrait höchst zuwider, und ich erklärte, ich sähe darauf wie ein sentimentaler Marat aus.“ So beschwert sich, 1860, Richard Wagner über eine Photographie. Nicht daß Wagner allzuviel gegen das Affektierte oder das Sentimentale gehabt hatte. Aber das „unglückliche Conterfei wurde für die Illustration benutzt, und – noch gräßlich verzerrt – macht es seitdem durch derlei illustrierte Blätter (jetzt auch in England) die Runde“ – was für den gewiß nicht uneitlen und auch geschäftlich nicht untüchtigen Wagner zuviel gewesen sein muß. Denn so sah er sich selber am liebsten: ruhig, unbefangen, vernünftig, „ich sah ruhig über die Welt hinweg, als ginge sie mich nicht das mindeste an: nur der Wunsch war vielleicht da, den Jupiter zu sehen“. Martin Geck, Redakteur der soeben im ersten Band erschienenen Richard-Wagner-Gesamtausgäbe, hat 92 „authentische“, also nach dem Leben geschaffene Bilder aufgetrieben: Vom ersten (einem Scherenschnitt vom zweiundzwanzigjährigen Magdeburger Kapellmeister) bis zum letzten (einer Zeichnung, Wagner am Abend vor seinem Tode lesend) zeigen sie die Verwandlung in der Selbsteinschätzung eines wechselhaft glücklichen Mannes, dessen Augen immer zugleich skeptisch träumen und triumphieren, darüber hinaus aber auch den Wandel in der Präsentation des zu immer größerem Ruhm Aufsteigenden. Ein sehr ausführlicher Quellenbericht macht den Band über eine Bildbiographie hinaus zu einer wichtigen und praktikablen Dokumentation. (Prestel Verlag, München; 165 S., 65,– DM)

Heinz Josef Herbort

Der Fall Vukobrankovics“, Roman von Ernst Weiß. Der „Fall“: Eine Giftmischerin steht vor Gericht. Sie hat mit Phosphor, Arsen und Bleiweiß 1918 und 1920 in zwei verschiedenen Fallen Menschen umzubringen versucht, wird das erstemal freigesprochen und nur wegen Verleumdung verurteilt, beim zweiten Versuch überführt. Aber die Opfer überleben, und es erhebt sich die Frage: War es überhaupt „versuchter Mord“ oder nicht vielmehr eine zwanghafte Handlung, durch eine Freiheitsstrafe zu bessern? Der Prozeßbericht wird zu einer vollendeten Charakterstudie der Vulkobrankovics und aller Beteiligten. Die Angeklagte, das Gericht, die Justiz spiegeln sich in Kommentar und Öffentlichkeit – eine perfekte, formal geradezu hinreißende Vortäuschung von „Authentizität“, von Dokumentarliteratur, und aus diesem unschuldigen Grunde liest sich das Buch wie gerade erst geschrieben. Es ist das aktuellste und modernste von allen neuaufgelegten Werken des Autors Ernst Weiß, dessen Wiederentdeckung bis jetzt nie so recht zu glücken schien. Die Imitation der Personalstile, von der Giftmischernbis zum Zeitungsberichterstatter, zeigt Weiß als Meister der psychologischen und sprachlichen Einfühlung. (Claassen Verlag, Hamburg; 174 S., 20,– DM) Martin Gregor-Dellin