Von H. C. F. Mansilla

La Paz, die Hauptstadt Boliviens, zeigt in der Altstadt noch den Glanz der spanischen Kolonialzeit, einen vergangenen Glanz, den es mit Hauptstädten kleinerer Länder Lateinamerikas wie Quito, Guatemala oder Santo Domingo teilt. Als mit dem Erringen der Unabhängigkeit die Verbindung zu Spanien abgebrochen wurde, waren nur die größeren Länder wie Argentinien oder Mexiko in der Lage, aus eigenem Antrieb ein autonomes Kulturleben zu entwickeln. Die kleineren lateinamerikanischen Staaten waren mehr oder weniger nur in der Lage zu rezeptiven kulturellen Tätigkeiten. Das hat sich aber in der letzten Zeit erheblich geändert, was insbesondere für Bolivien gilt. Eine Schilderung der „kulturellen Atmosphäre“ von La Paz bleibt daher unverständlich, wenn nicht einige grundsätzliche Bemerkungen zur neueren Kulturgeschichte des Landes angeführt werden.

Erst in den letzten zwanzig Jahren hat sich in den kleineren südamerikanischen Ländern eine nennenswerte Kultur-Aktivität entwickelt. Nicht, daß früher jene Länder keine kulturellen Talente hervorgebracht hätten, aber diese blieben einsame Ausnahmen, die obendrein nur in den größeren Ländern oder in Spanien in gebührendem Maße anerkannt worden sind.

Die Renaissance des lateinamerikanischen Nationalismus seit 1945 hat auch die Notwendigkeit entstehen lassen, eine eigene Kultur zu entwickeln, die unter anderem auch die Funktion hätte, als Stützpfeiler des jungen Nationalbewußtseins zu dienen. Kultur läßt sich jedoch nicht so leicht aus dem Nichts erschaffen, wie einige Minister des zuständigen Ressorts es glaubten; die staatlich forcierte Entwicklung endete bei einer zu offensichtlichen Nachahmung europäischer Vorbilder oder bei der Lenkung der intellektuellen Tätigkeit in das Gebiet der politischen Propaganda.

In manchem lateinamerikanischen Land hat dieses Scheitern zu einem Umdenken sowohl der staatlichen Instanzen als auch der Kulturschaffenden geführt. So hat sich beispielsweise in Bolivien die Ansicht durchgesetzt, daß die staatliche Förderung nur diejenigen Sektoren der kulturellen Aktivität betreffen soll, die bereits einen adäquaten Umfang und eine über den bloßen Dilettantismus hinausragende Qualität erreicht haben.

Mexiko war das Land, das die Kulturpolitik im ganzen Kontinent beeinflußte. Die aus der Revolution (1910–1917) hervorgegangene Regierung „entdeckte“ geradezu die indianische, vorspanische Zivilisation der Azteken als Anknüpfungsbasis für eine nationale Kultur, deren Charakter seitdem tatsächlich von den Motiven und Vorstellungen der alten indianischen Lebensweise mitgeprägt worden ist, vor allem im Bereich von Architektur und Malerei. Kaum zu überschätzen ist der Einfluß der mexikanischen Schule der „Muralisten“ (Ribera, Orozco, Siqueiros) auf die bolivianischen Maler, welche die Darstellung einer ähnlichen gesellschaftlichen Problematik – Elend, Ausbeutung, Aufstand – zu ihrem Ziel erhoben haben.

Die bolivianische Regierung hat seit 1952 keine Geldmittel gespart, um archäologische Forschung zu betreiben, hauptsächlich, um die vorspanische Kultur der jahrhundertelangen Vergessenheit zu entreißen. Besonders bemerkenswert ist die Restaurierung von Tihuanaku, der Hauptstadt eines indianischen Reiches, das älter ist als der große, das westliche Südamerika umfassende Staat der Inkas. Tihuanaku liegt auf dem Hochplateau (beinahe 4000 Meter über dem Meeresspiegel), wenige Kilometer von La Paz entfernt, und es stellt das wichtigste touristische Reiseziel des Landes dar. Die Bedeutung Tihuanakus übersteigt bei weitem den nur historischdokumentarischen Wert einer Ruinenstätte, denn es hat maßgeblich dazu beigetragen, einen nationalen Eigenstil in Architektur, Dekoration und Keramik zu schaffen. Tihuanaku besteht aus steinernen Tempeln, Palästen und Statuen, die aus riesigen Blöcken gebaut wurden und dank des trockenen Klimas ziemlich gut erhalten sind. Im allgemeinen handelt es sich um einen Stil, der der aztekischen Kunst sehr nahe steht, aber um eine Nuance archaischer ist. Der Tihuanaku-Stil entspricht der Kargheit der Landschaft und der Knappheit der Materialien auf der hochgelegenen Steppe: einfache, geometrische Linien, Sparsamkeit der Farben, vielfache Verwendung von gemeißeltem Stein als Außendekoration, Überwiegen hieratischer und symbolischer Motive elementaren Charakters in der Innendekoration.