Die nach Werner Höfers „Frühschoppen“ älteste Sendereihe im deutschen Fernsehen, das „Wort zum Sonntag“, soll vom Bildschirm verschwinden. Die Ständige Programmkonferenz der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands, der ARD, des Ersten Programms also, will umprogrammieren. Vom 1. Januar 1971 an soll nicht mehr das „Wort zum Sonntag“, sondern ein „Wort am Sonntag“ oder ein Wort unter ähnlichem Titel gesendet werden, und zwar am Ende des Programms: als Schlußlicht ein Kirchenlicht.

Daß die Zuschauer solches Licht per „Aus“-Knopf ihres Gerätes rasch löschen würden, ist unter Kennern keine Frage. 1957 hat man einen Wort-am-Sonntag-Versuch nach vier Monaten abgebrochen. Am Sonntagabend steht einem eben der Montagmorgen bevor; und auch wer an kirchlichen Sendungen höchst interessiert ist, kann nach der Sonntagvormittagpredigt auf das geistliche Sonntagabendwort leichten Herzens verzichten. Es wäre ins Nichts gesprochen.

Das alte und zuweilen auch gute „Wort zum Sonntag“ hat mit durchschnittlich siebenundzwanzig Prozent die höchste Zuschauerbeteiligung unter allen kirchlichen Sendungen. Das hat seinen Grund vor allem in seiner Placierung. Es wird nach dem Ohnsorg-Theater oder anderer sorgenfreier Unterhaltungsdarbietung und vor dem Krimi- oder Westernfilm gesendet. Daß es oft umstritten war, hat es mit manchen anderen Sendungen gemein. In jüngster Zeit ist es besser, zeitgemäßer geworden und jedenfalls nicht mehr „ölig“. Abschaffen wollte es niemand. Auch jetzt will man es nicht töten; aber man würde es mit der Verlegung auf den Sonntagsprogrammschluß dahinsiechen und sterben lassen.

Das eigentlich Ärgerliche an dem Umprogrammierungsplan ist das: Man will den „Pausenblock“ in der Sonnabendunterhaltung, der aus „Ziehung der Lottozahlen“, zweiter „Tagesschau“ und dem „Wort zum Sonntag“ besteht, praktisch abschaffen. Die „Tagesschau“ soll gen Mitternacht verlegt werden. Nur vom „ordnungsgemäßen Zustand des Ziehungsgeräts“ in Studio 3 des Hessischen Rundfunks soll das Publikum sich weiterhin zur gewohnten Stunde überzeugen. – Die „Unterhaltungsschiene“ wäre somit nahtlos geschweißt. Und den Zuschauern fiele das „Abwandern“ schwerer.

Doch ganz abgesehen davon, daß eine gewaltige Zuschauermenge in physiologische Bedrängnis geraten würde, weil die „Pause für Bier“ und andere Bedürfnisse entfiele, gibt es ernsthafte Gründe genug, das „Wort zum Sonntag“ nicht zugunsten einer Vorverlegung des „Mord zum Sonntag“, der schußfreudigen Filme, ins Abseits zu drängen. Was da an Unterhaltung zum Wochenende geboten wird, muß nicht immer „das Letzte“ sein, kann aber getrost eine Pause zum Denken vertragen. Gerade in Unterhaltungssendungen gibt es genug politisch gefährliche Klischees und Illusionen, die einer Korrektur bedürfen.

Die ARD-Intendanten, die am 10. September in Frankfurt am Main, am Ort des Intendanten, der zugleich Koordinator der Kirchensendungen ist, die Entscheidung zu fällen haben, sollten das „Wort zum Sonntag“ lassen, wo es ist. Solcher Entschluß wäre zudem ein Dementi der, „Profilneurose“, die man der ARD angesichts wachsender Konkurrenz des Zweiten Deutschen Fernsehens nachsagt und die nichts anderes als eine rage du nombre ist. Man giert nach der Superzahl von Zuschauern, wobei ARD (wie das ZDF) sich kommerzieller gebärdet, als es ihr angesichts der sonst so gern berufenen kulturellen Aufgabe ansteht. rst.