Ergebnis und Folgen der chilenischen Präsidentschaftswahl können schwerlich überschätzt werden: Chile, die letzte Bastion der Demokratie in Südamerika, gilt seit langem als Testfall für die „Revolution auf friedlichem Wege“. Jetzt hat der Sozialist Salvador Allende, unterstützt durch eine Volksfront-Koalition, mit dem Stimmzettel gesiegt; am 4. November wird er sein Amt antreten. Die Reaktion im In- und Ausland reicht von blanker Hysterie auf der Rechten bis zum euphorischen Freudentaumel auf der Linken. Beide Seiten sprechen von einem „neuen Kuba“.

Die Dramatisierung geht am Kern der Sache vorbei. Denn die große Wende der chilenischen Politik begann bereits unter dem scheidenden Präsidenten Eduardo Frei, einem Christdemokraten. Die Zugehörigkeit zu dieser Partei bewahrte Frei davor, im Ausland, zumindest in Westeuropa, als „Freund Fidel Castros“ abgestempelt zu werden. Tatsächlich aber stand Frei politisch weit links. Er zwang die nordamerikanischen Minengesellschaften, Staatsbeteiligungen an den Kupfergruben hinzunehmen, er leitete eine Agrarreform ein, bot politischen Flüchtlingen aus ganz Lateinamerika Asyl und forderte die Einstellung des interamerikanischen Boykotts gegen Kuba.

Unter dieser Perspektive betrachtet, ist Allende der Testamentsvollstrecker Freis. Was jener halb wollte, will Allende ganz: Er versprach die volle Verstaatlichung der Kupferminen, eine radikale Agrarreform, die Einstellung des Kuba-Boykotts und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu den kommunistischen Staaten.

Dieses Programm genügt, um einheimische Konservative und ausländische Investoren in Panik zu versetzen. Die Flucht des Kapitals und der Kapitalisten aus Chile hat bereits begonnen.

Die politische Bedeutung der Allende-Wahl liegt im Bündnis zwischen Kommunisten und revolutionären Katholiken. Diese „unheilige Allianz“ hat ihren ersten Sieg in einem katholischen Land erfochten – ein Markstein für die revolutionären Kräfte in Lateinamerika. Zwar steht nur ein gutes Drittel der Wähler hinter dem Volksfrontführer Allende, aber der unterlegene Kandidat der christlich-demokratischen Partei, Tomic, hat dem Sozialisten die Unterstützung für den zweiten Wahlgang im Abgeordnetenhaus zugesagt.

Wenn Allende regieren will, braucht er die Stimmen der gemäßigten Christdemokraten in der Kammer. Das zwingt ihn zur Vorsicht. Schon in der Wahlnacht beschwor er seine Anhänger, Disziplin zu wahren und die politischen Gegner nicht zu provozieren. Allende, eher ein später Nachfahre August Bebels als ein Revolutionär „neuen Typs“, garantiert, daß die Demokratie nicht in Gefahr ist.

Doch demokratisches Wohlverhalten ist keine Lebensversicherung für lateinamerikanische Reformer. Selbst Präsident Frei war in seinem letzten Regierungsjahr der traditionell verfassungstreuen Armee nicht mehr sicher. Er mußte zwei Putschversuche niederschlagen. Sein Nachfolger Allende wird es noch schwerer haben. Man darf sicher sein, daß die CIA zur Stunde die Operationspläne für den „Fall X“ in Chile überprüft. Das Schicksal der Reformpräsidenten Arbenz (Guatemala) und Goulart (Brasilien) ist noch in frischer Erinnerung. Mögen die Konservativen Allendes Wahl für eine Katastrophe halten – sein Sturz würde mit Sicherheit das Chaos, vielleicht den Bürgerkrieg bedeuten.

Hans Martin