Es wäre zu schön gewesen, wenn es mit dem Beweis geklappt hätte: Hunderte, Tausende, Hunderttausende können zusammenkommen und den Frieden, die Liebe, die Droge und die Musik feiern – und solange sie nur unverdorben-bedürfnislos genug sind, um auf den dekadenten Komfort der Zivilisationskrüppel verzichten zu können, werde sich alles übrige von selber finden und ordnen, ohne die umständlichen und einengenden Vorkehrungen und Reglements, die die kranke übrige Gesellschaft aufbieten muß, damit sie nicht im völligen Chaos versinkt. Die großen Pop-Festivals als Probe aufs Exempel, daß anarchische Freiheit praktisch möglich sei, wenn nur die Menschen ihre aggressive Verklemmtheit abgeschüttelt hätten... Es wäre wirklich schön gewesen.

Einmal zumindest scheint es, wenn man den Berichten und dem Film glauben kann, auch tatsächlich ganz gut gegangen zu sein, damals in Woodstock – sonderbarerweise, muß man heute sagen, wenn man all die folgenden Fiaskos von Altamont bis Fehmarn Revue passieren läßt. Brutale Gewalttätigkeiten auch ohne die Anwesenheit von Polizei, mehr Wartepausen als Musik, der finanzielle Bankrott der Veranstalter – das scheint inzwischen so sehr die Regel geworden zu sein, daß die Zukunft des Pop-Großkonzerts recht unsicher aussieht.

Die Manöverkritik, die nach jedem neuen Desaster ausgetragen wird und den Veranstaltern vorhält, was sie alles falsch gemacht haben, zeigt jedoch, daß es sich nicht um zufällige Pannen handelt, sondern daß das Pop-Fest als Institution an einem Paradoxon zu würgen hat. Die glückliche Ordnung ergibt sich eben nicht von allein, sie muß organisiert werden, und eine solche Organisation wiederum widerspricht dem Charakter der Sache. Das Gelände muß schön sein, die Bühne ein psychologisches und technisches Meisterwerk, die Verstärkeranlage ingeniös, das Flutlicht intakt, Straßen und Parkplätze und Toiletten und Waschmöglichkeiten und Verpflegungsstellen und Schlafstätten und Ärzte und Sanitäter und Müllbeseitigungsapparate muß es geben, und wo es daran fehlt, hilft auch die genügsamste, geduldigste und geselligste „Selbstorganisation“ der Teilnehmer nicht mehr, sie blieben die Betrogenen.

Bezeichnend ist das Verhältnis zur Polizei. Sie herbeizurufen, käme einer Kapitulation gleich. Da aber Ordner gebraucht werden, engagiert man Schlägertypen, Jungs, die zuschlagen können wie Polizisten, ohne doch Polizisten zu sein. Und hinterher, nach der Schlägerei, fragt man wie in Altamont und Fehmarn, warum eigentlich die Polizei nicht da war, das Schlimmste zu verhüten,

Sind allein die Geschäftemacher im Hippie-Look schuld, die dann allerdings naive Dilettanten sein müßten, da ja eine Pleite der anderen folgte?

Oder könnte es nicht auch daran liegen, daß die Institution ihren Widerspruch einfach nicht wahrhaben will? Damit sie funktioniert, wäre die präziseste Organisation nötig, aber die setzte den Anspruch der Selbststeuerung außer Kraft.

Außerdem kostete sie Geld, mehr Geld, als jene Veranstalter investierten, die nur schnell verdienen wollten und meinten, im übrigen werde alles schon irgendwie gehen. Auch wenn, wie des öfteren gefordert wurde, die Gemeinden solche Festivals mitfinanzieren: free sind sie nur im Traum, gratis gibt es the good life nicht. Und darum werden die Pop-Festivals entweder eingehen oder sich zu ihren Voraussetzungen bekennen und damit den verlockendsten Teil ihrer Ideologie preisgeben müssen. Dieter E. Zimmer