Von Heinz Josef Herbort

Jochen – er selber hat sich umbenannt in „Timmy“, aber seine Freunde rufen ihn „Nase“: seit Juni ist er „auf Reise“. Mit Schlafsack, Zahnbürste, Seife, Shampoo, zwei Badehosen zum Wechseln und einer Gitarre war er zuerst in Neapel und Rom, wo er von der Botschaft eine Fahrkarte bis zur Grenze erhielt. Weiter an die Costa Brava. In Südfrankreich hätte er gern an angekündigten Südfrankreich teilgenommen, aber aus den Festivals wurde nichts, und ihn selber schob man über die Grenze ab. In Zürich machte er mit der Gitarre in einer Stunde siebzig Schweizer Franken, aber auch die Schweizer wiesen ihn wegen „Vagabundage und Wegelagerei“ aus. Ein „Kollege“ nahm ihn mit zu sich nach Duisburg, doch dort klappte es mit der Singerei nicht, zu oft rieten ihm die Straßenpassanten, es „doch mal mit Arbeit zu versuchen“. Schließlich kaufte er für die letzten sechsunddreißig Mark eine Karte für „Open Air/Love & Peace/Insel Fehmarn/Germany“.

„Nase“ hatte eigentlich Bankkaufmann werden wollen, aber als der Lehrling eines Morgens mit aufkommender Mode in Beat-Stiefeln erschien, mißfiel dies seinen Herren. Sie wollten jeden Tag eine Krawatte sehen, schickten ihn zum Friseur und hatten „überhaupt immer was zu meckern“. Heute arbeitet „Nase“ drei Monate auf dem Bau, zweihundert Mark braucht er monatlich, wenn er auf Reisen ist, zu Hause das Doppelte. Zu Hause: das ist Freiburg, wo er bei seiner achtundvierzigjährigen Mutter wohnt, die ihn „nicht versteht“, der er aber Geld gibt, wenn er etwas verdient, der er immer schreibt, wo er gerade steckt, und von der er sich auch jetzt erhofft, daß es „bei ihr warm ist, etwas Gutes zu essen und endlich wieder ein weiches Bett gibt“.

„Nase“ ist an Politik nicht interessiert, von der Kirche hält er nichts (Kinder würde er allerdings taufen lassen), Sport ist ihm zu mühsam, und in die Fernsehröhre guckt er nur ganz selten – gelegentlich jedoch kauft er sich eine Pop-Platte. „Nase“ hat nur einen Wunsch: Er möchte sein Leben leben und dabei in Ruhe gelassen werden, wie auch er die anderen, die Andersdenkenden in Ruhe läßt.

„Nase“ ist nach Fehmarn gefahren, um jene in ungeheuren Mengen zu treffen, die denken wie er und leben wie er. Er wollte einer von ganz vielen sein, einer von sechzigtausend, wie die Veranstalter ihm versprochen hatten.

Und er wollte mit ihnen zusammen die ganz Großen hören, die er von seinen Platten kannte, wollte sie endlich auch einmal in Aktion sehen, die „Incredible String Band“ und die „Ten Years After“, „Keef Hartley“ und die „Faces“, „Ginger Bakers Airforce“ und „Renaissance“, „Sly and The Family Stone“ und vor allem den Jimi Hendrix leibhaftig. Das, fand er, sei die sechsunddreißig Mark wert, die die Veranstalter verlangten, und sechsunddreißig Mark ist viel Geld für „Nase“.

„Nase“ hatte Glück, der Autostopp funktionierte, pünktlich kam er auf der E 4 bis in die Nähe von Petersdorf, die letzten paar Kilometer ging er zu Fuß, bereits mitten in einer Kolonne. Drei Tage open air und love und peace und gute Musik – „Nase“ war dabei, und „Nase“ war voller glücklicher Erwartung.