Von Ferdinand Ranft

Die gerade zu Ende gegangenen Sommerferien waren wahrlich schlimm. Die Bilanz enthält viele neue traurige Rekorde. Wer Überlegungen zu einer besseren Ferienordnung anstellt, muß sich zuerst einmal die Tatsachen ins Gedächtnis rufen:

  • Das Verkehrschaos auf Autobahnen und Straßen erreichte in den Sommerferien 1970 bisher nicht gekannte Ausmaße; den Rekord halten die Grenzübergänge nach Spanien. Dort stauten sich die Kraftfahrzeuge zeitweise bis zu einer Länge von 50 Kilometern. An der deutsch-österreichischen Grenze gab es dagegen „nur“ Fahrzeugkolonnen von 20 Kilometern Länge und Wartezeiten von vier Stunden. Durch Unfälle und Verstopfungen an den Hauptreisetagen bildeten sich auf den Autobahnen im Bundesgebiet Fahrzeugkolonnen von bis zu 30 Kilometern Länge. Sogar die Hoffnung, durch eine Nachtfahrt schnell und ungehindert ans Urlaubsziel zu gelangen, hat sich seit diesem Sommer als trügerisch erwiesen. Noch nie gab es nachts so viele Unfälle und Stauungen. Die Zahl der Verkehrstoten im Urlaubsverkehr geht in die Hunderte.
  • Wer auf die Eisenbahn angewiesen war, hatte es etwas besser. Die Verspätungen hielten sich in den Urlaubsmonaten in Grenzen, freilich waren die Züge oft bis zu 130 Prozent belegt.
  • Über die Widrigkeiten und Ärgernisse an den Urlaubsorten. gibt es leider keine Statistik, „Saison“ nennt es die Fremdenverkehrsindustrie, wenn sich viele Millionen gleichzeitig auf allen Urlaubsplätzen auf die Füße treten. Für den einzelnen Urlauber bedeutete das auch in diesem Sommer wieder: Massenbetrieb in den Badeorten, verschmutzte Strände, überfüllte Schwimmbäder, volle Restaurants, lange Wartezeiten beim Essen, schlechte Bedienung, lieblos zubereitete und zu teure Mahlzeiten, verstopfte Parkplätze, überhöhte Preise für Hotels und Pensionen wie für Besichtigungen und Souvenirs. In der Saison ist von dem schönen Versprechen, „der Kunde ist König“, nicht mehr viel übriggeblieben.

Die Hauptschuld an dieser leidigen Urlaubsmisere trifft unsere anachronistische Ferienordnung, für die die elf Kultusminister der Länder und Westberlins verantwortlich zeichnen. Fünfundfünfzig Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik sind nämlich – nach einer Untersuchung des Deutschen Industrie- und Handelstages – „feriengebunden“, sind Familien mit schulpflichtigen Kindern, die, nach der jetzigen Regelung, eben nur in den Sommerferien verreisen können. Das gleiche gilt für rund ein Drittel aller Arbeitnehmer durch entsprechende Betriebsferien in dieser Zeit.

Dabei – und das läßt schreckliche Ahnungen für die kommenden Jahre aufkommen – verreist bisher noch nicht einmal die Hälfte der westdeutschen Bevölkerung in den Ferien und im Urlaub. Nach einer Prognose des Bundeswirtschaftsministeriums werden es 1970 nur 28 Millionen Bundesbürger sein. Für die nächsten zehn Jahre rechnen die Reisefachleute, bei anhaltender Konjunktur, mit zusätzlich 14 Millionen Urlaubern im Jahr. Außerdem wird die Zahl der Autobesitzer in den nächsten zehn Jahren weiter steigen, und 80 Prozent aller sechzehn Millionen Autobesitzer verreisen mit ihrem eigenen Wagen.

„Entzerrung“ heißt das Zauberwort, von dem schon seit vielen Jahren, die Rede ist. Vorschläge und Diskussionsbeiträge gab es und gibt es in Hülle und Fülle. Zuletzt hatte die Kultusministerkonferenz im April siebzig Behörden, Verbände und Vereinigungen vom Bundeselternrat über die Verkehrswacht bis zur Arbeiterwohlfahrt und zur Gesellschaft für Sozialpädiatrie zu einem „Hearing“ geladen. Die meisten Organisationen, bis auf einige Lehrerverbände und den ADAC, konnten sich freilich nicht für eine grundlegende Reform der Schulferien erwärmen. Das ist um so unverständlicher, weil es – wenn man die Dinge einmal untersucht – gar keinen überzeugenden und einleuchtenden Grund für die ’Hauptferienmonate Juli und August gibt.

Wie kam es dazu? In den Archiven der Kultusbehörden finden sich darüber bezeichnenderweise so gut wie keine Hinweise. In Bayern war es von jeher üblich, daß die großen Ferien die Schuljahre voneinander trennten, das Schuljahr beginnt dortzulande schon immer im Herbst. Aus Hamburg weiß man, daß der Beginn der Sommerferien in der Weimarer Zeit auf den 2. Juli vorverlegt wurde, damit der Verfassungstag nicht in die Ferienzeit fiel. Lediglich im früheren Königreich Preußen hat man sich offenbar ein paar Gedanken über eine sinnvolle Terminierung der großen Sommerferien gemacht: Die Ferientermine der ländlichen Volksschulen wurden mit Rücksicht auf die Erntezeit bestimmt. Sollten die Kultusminister allen Ernstes diese Tradition fortführen wollen?