Jesse Owens, der Welt bekanntester Leichtathlet, hat sich endlich dazu durchgerungen, seine Lebensgeschichte aufzuzeichnen, besser gesagt: seine Meinungen und Ansichten zu Papier zu bringen. Er tat sich schwer damit (nicht etwa mit dem Schreiben, das besorgte weitgehend der amerikanische Journalist Paul G. Neimark), wohl aber mit der Darlegung seines Standpunktes. Als ich 1968 mit Jesse Owens bei den Olympischen Spielen anläßlich eines Interviews zusammentraf, sprachen wir auch über ein längst fälliges Buch von ihm. Owens sagte damals, er sei mit seinen Gedanken noch nicht im reinen und wage sich zur Zeit nicht an ein derartiges Projekt heran. Denn es war klar: Wenn ein so engagierter Mann wie der Neger Jesse Owens ein Buch verfaßt, ist das Thema vorbestimmt: der Rassenkonflikt.

Seine Zurückhaltung begründete er damals unter anderem mit dem Hinweis darauf, Millionen von Negerkindern könnten sich möglicherweise an seinem Urteil orientieren. Ohne es von ihm selbst bestätigt bekommen zu haben, glaube ich, daß die Vorgänge in Mexico City mit dem Black-Power-Protest der beiden Neger-Athleten Tommie Smith und John Carlos entscheidend dazu beitrugen, daß er – der damals an prominenter Stelle ohne Erfolg vermittelte – sich nun entschloß, Stellung zu nehmen:

Jesse Owens: „Blackthink – my life as black man and white man“; Verlag William Morrow & Co., New York; 215 S., 5,95 Dollar.

Wer dieses Buch in Erwartung einer detaillierten Biographie zur Hand nimmt, wird enttäuscht sein, obwohl bisher Unbekanntes zur Sprache kommt; beispielsweise die vollständige Geschichte seiner Freundschaft mit dem deutschen Weitspringer Lutz Long, daneben einige interessante Impressionen von den Olympischen Spielen 1936. Aber das sind Randgeschichten. Sein zentrales Anliegen, das er auch mit dieser Schrift verfolgt, lautet: Auf welche Weise können in Zukunft schwarze und weiße Amerikaner in Frieden miteinander leben?

Owens wendet sich vehement gegen jede Form des Extremismus, fügt aber hinzu, daß in gewissen Situationen Gewalt nicht zu vermeiden sei. Seiner Meinung nach hat die Formel „Schwarz ist schön und alle Weißen sind Teufel“ keine Chance. Er hält auch nicht viel von „blackthink“ etwa „schwarzes Denken“, sondern möchte diesen Ausdruck der Radikalen um eine Nuance abgeändert wissen in „black, think“ –Schwarzer, denke!

Das Buch des heute 57jährigen Owens ist eine Absage an jene Kräfte, die in den USA mit geballten Fäusten und geladenen Gewehren für die Rechte der Neger streiten. Owens wiederholt seine schon früher geäußerte These, die seiner eigenen Erfahrung als Sohn einer vielköpfigen armen Farmersfamilie in Oakville, Alabama, entspricht: Gleichgültig, was die blackthinkers sagen, alles, was du brauchst) ist eine Chance! Professor an der San José State University in Kalifornien. Edwards hatte 1967 zum Olympiaboykott der amerikanischen Neger-Athleten aufgerufen, war maßgeblich an den Boykottaktionen in Mexico City beteiligt und hatte Owens, der stets zur Mäßigung riet, mehrfach öffentlich mit der Bezeichnung „Onkel Tom“ belegt, was bekanntlich ein Schimpfname für jene Neger ist, die sich mit den Weißen arrangieren und ein Teil des Systems geworden sind.

Owens sagt an einer Stelle: „Harry Edwards, mein Name war niemals Tom. Aber ich bin alt genug, um ihr Onkel zu sein.“ Er verurteilt die Radikalen nicht, stellt nur ihre Methoden in Frage und meint, sie seien ein Produkt der Weißen: „Ich erinnere mich jener Lynchgeschichte in Georgia. Die Weißen hatten eine hochschwangere Negerfrau über einer Feuerstelle aufgehängt, aber den Knoten nicht ganz zugezogen, so daß sie langsam verbrannte. Bevor sie das Bewußtsein verlor, löste sich das Baby aus ihrem Leib und fiel in die Flammen. Aber das war nicht das Schlimmste. Als die weißen Männer das Baby in den Flammen sahen, rannten sie los, um ihre Frauen und Kinder zu holen, damit diese zusehen konnten, wie das Baby röstete.“ Owens fährt fort: „Einige der Enkelkinder der auf diese Weise ums Leben gekommenen Familien, das sind heute die Rap Browns und Harry Edwards.“