Chile sieht unruhigen Wochen entgegen. Nachdem die Präsidentenwahlen vom vergangenen Freitag keinem der drei Bewerber die absolute Mehrheit brachten, muß nun der Kongreß am 24. Oktober den Nachfolger von Eduardo Frei bestimmen. Mit 36,3 Prozent der Stimmen erhebt der Kandidat der Linksparteien-Volksfront, der linkssozialistische Senator Salvador Allende, Anspruch auf die Präsidentschaft.

Sein schärfster Konkurrent, der konservativ-nationalistische Expräsident Jorge Allessandri, erhielt 34,9 Prozent. Nur 27,8 Prozent entfielen auf Radomiro Tomic, den Kandidaten der regierenden Christlich-Demokratischen Partei. Sie verfügt über 74 Sitze in dem zweihundertköpfigen Kongreß und hat sich schon bereit erklärt, mit den 83 Anhängern Allendes zu stimmen.

Für Lateinamerika ist die Wahl von Bedeutung. In freier Entscheidung konnten die 3,5 Millionen Wahlberechtigten Chiles, das bislang mit der „Revolution in Freiheit“ zwischen Diktatur und Revolution einen Mittelweg suchte, zwischen einem Sozialisten, einem christlichen Reformer und einem Konservativen wählen. Das schlechte Abschneiden des Reformers Tomic und der Sieg Allendes haben in den benachbarten Militärdiktaturen sowie in den USA Bestürzung hervorgerufen: Allende hat bereits Sozialisierungsmaßnahmen und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Kuba angekündigt. Unsicher ist die Haltung der chilenischen Militärs. Sie haben zwar zugesichert, den Volkswillen zu respektieren, aber deutlich erklärt, daß sie sozialistische Schritte über das von Präsident Frei geübte Maß hinaus mißbilligen.