Bremen

Weil die eitlen sich um 23 Uhr 50 nicht mehr die Ohren zuhalten wollen, müssen die anderen sich die Haare raufen. Und das nicht nur zehn Minuten vor Mitternacht. Die einen, das sind Neusiedler am alten Bremer Flughafen; die andern, das sind Spediteure, Verkehrsexperten und Leute, denen internationaler Handel zwischen nassen und trockenen Häfen unerläßlich erscheint. Die einen feiern in Bremen unerläßlich was den anderen wie ein Schildbürgerstreich mit katastrophalen Folgen vorkommt: Die Lufthansa mußte jetzt ihren einzigen Bremer Nur-Frachtmußte streichen. Die LH 791 Bremen–Frankfurt, die bisher randvoll mit Fracht an jedem Abend um 23 Uhr 50 Bremen verließ, darf nicht, mehr starten. Der erbitterte Zweikampf zwischen Ruhebedürfnis und Fortschritt ist zugunsten der Ruhebedürftigen ausgegangen.

Dr. Georg Borttscheller, Senator für Häfen, Schiffahrt und Verkehr, Freier Demokrat und auf dem Weg ins achte Lebensjahrzehnt, im Volk „Containerchorse“ genannt – er gab dem Lärm einer flughafennahen Lärmschutzgemeinschaft nach. Die international übliche Betriebsruhe der Flughäfen von null bis sechs Uhr wurde in Bremen vorverlegt auf 23 Uhr. Das bedeutet das Aus für die Lufthansa-Frachtdüse. Es bedeutet Rückfall in Postkutschenidylle: Die Lufthansa muß die in Bremen angelieferte Fracht mit einem Lastkraftwagen zum Flughafen Hannover karren.

Schlimm genug ist es schon jezt. Der Mini-Flughafen am Neuenlanderfeld strampelt unter Leitung von Flughafendirektor Mücke seit zehn Jahren gegen das Verdikt eines Schattendaseins an. Mit wachsendem Erfolg. Die Passagierzuwachsrate wächst sprunghaft, jährlich um mehr als fünfzehn Prozent. Fünfundzwanzig Liniendienste fliegen Bremen an. 450 000 Fluggäste registriert der kleinste Flughafen der Bundesrepublik zur Zeit. 1980 könnten es 1,5 Millionen sein – mit einer bis dahin ausgebauten Hauptstartbahn. Doch das verlängerte Rollfeld kommt nicht. Es ist kein Geld da. Das bedeutet, so ein Sprecher der Flughafenverwaltung, daß künftig die ganz schnellen, neuen Maschinen an Bremen vorbeifliegen werden.

Gut ließ sich auch das Frachtaufkommen an. Die Lufthansa beförderte 1965 tausend Tonnen Fracht über Bremen; doppelt soviel waren es drei Jahre später. Für 1980 wurden 20 000 Tonnen errechnet. Nun, nach dem Startverbot der einzigen Frachtmaschine, sieht man schwarz. Ein Lufthansa-Sprecher formuliert es vorsichtig: „Unsere Kunden wandern ab, verärgert und enttäuscht. Der Schaden für die Bremer Wirtschaft ist groß.“

Aus dem Bremer Flughafen klingt es drastischer: „Senator Borttscheller, der, nebenbei gesagt, Vorsitzender der Flughafen GmbH ist, hat sich von einer Bürgerminderheit terrorisieren lassen. Die nun gestorbene Frachtmaschine war der für Bremen eminent wichtige Beginn zum Luftfrachtverkehr. Am Rande: wir haben unseren Flughafen wie jeden anderen laut Abkommen von sechs Uhr früh bis null Uhr betriebsbereit zu halten. Da kann man nicht einfach eine Stunde vorher dicht machen, nur weil die Anwohner schlafen wollen. Was denn, wenn sie demnächst fordern: um 20 Uhr ist Feierabend?“

Lilo Weinsheimer