Börsen- und Konjunkturpropheten sind sich darüber einig: Die deutschen Aktienkurse werden bis zum Schluß dieses Jahres eher nach unten als nach oben tendieren.

Dazu der Wochenbericht der Dresdner Bank: „Die Kostensteigerungen werden nicht kleiner werden. Da der Markt entsprechende Preise im allgemeinen nicht hergibt und die Rationalisierungsreserven immer geringer werden, dürfte die jetzt schon bestehende Tendenz der Ertragseinengung in den kommenden Monaten eher noch ausgeprägter werden. Somit bleibt es wohl vorerst bei der Tendenz der Vorsicht am Aktienmarkt.“ Eine vorsichtige Umschreibung für „Keine Aussicht auf bessere Kurse“.

Aber wird das Jahr 1971 ähnlich trostlos für Deutschlands Aktionäre bleiben? Dr. Wadim von Golowatscheff, der sich mit Konjunkturprognosen einen Namen gemacht hat, sieht für 1971 bessere Zeiten für die deutsche Börse. In einem Konjunkturgespräch, das vom Bankgeschäft Mertz & Co in Hamburg veranstaltet wurde, stellte er folgende These auf:

„Nach menschlichem Ermessen wird der ganze Rest des Jahres 1970 und darüber hinaus auch noch mindestens die ganze erste Hälfte des Jahres 1971 im Zeichen einer fortschreitenden konjunkturellen Abschwächung stehen. Mit einer erneuten Wende der Konjunkturkurve nach oben darf nach den bisherigen Erfahrungen mit der konjunkturzyklischen Entwicklung frühestens im zweiten Halbjahr 1971 gerechnet werden, und zwar selbst dann, wenn die Regierung inzwischen energische Maßnahmen zu einer erneuten Konjunkturbelebung treffen sollte.“

Vor diesem Hintergrund glaubt Golowatscheff die Prognose wagen zu können, daß es auf dem Aktienmarkt „erst“ mit der Jahreswende zu einer entscheidenden Tendenzwende nach oben kommen kann.

Ohne Zweifel fällt es schwer, diesem Optimismus in einem Augenblick zu folgen, da die Konjunktur gerade erst in ihre Abschwungsphase einzutreten scheint. Aber man kann wohl mit Golowatscheff in der Auffassung übereinstimmen, daß diese Regierung alles daransetzen wird, eine Rezession, wie wir sie in den Jahren 1966 und 1967 hatten, nicht aufkommen zu lassen. Deshalb wird der konjunkturelle Abschwung diesmal kaum sehr tief gehen.

Aus seinem Blickwinkel sieht Golowatscheff den expansiven Bundeshaushalt 1971 für durchaus konjunkturgerecht an, weil er dem Konjunkturrückgang bereits energisch entgegenwirken wird. Nur meine ich, meine verehrten Leser, wenn die Bundesregierung es tatsächlich für erforderlich hält, 1971 über den Haushalt schon wieder Gas geben zu müssen, dann hätte sie auch die Steuervorauszahlungen entsprechend zeitlich begrenzen sollen. So werden wir es wahrscheinlich erleben, daß über einen expansiven Haushalt die Konjunktur angeheizt werden wird, während gleichzeitig die Steuerzahler dazu verdammt sein werden, auf der Konjunkturbremse zu stehen.