ARD, Sonntag, 6. September: „Kommunisten sterben einsam“, von Erhard Thomas

Es wäre möglich gewesen, einen Film mit dem Titel „Zwei Schwestern“ zu machen, der, am Beispiel von Babette Gross und Margarete Buber-Neumann, das Schicksal von Frauen veranschaulicht hätte, die einen großen Teil ihres Lebens an der Seite von Kommunisten verbrachten, Hoffnungen und Enttäuschungen miterlebten, die Dialektik von Solidarität und Selbstverrat kennenlernten, die Entscheidung zwischen der Treue gegenüber der Revolution und der Treue gegenüber der Partei in der Stalin-Ära. (Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen, schrieb Münzenberg in einem Augenblick, da die Parteiorganisation sich an die Stelle Gottes zu setzen begann.) Disziplin im Wechselspiel mit Sektierertum, plebejische Standfestigkeit, in Frage gestellt nicht durch den Terror der Gegner, sondern durch die einsamen Beschlüsse in den eigenen Reihen, Beschlüsse aus den Zirkeln der Illuminierten, die heute verleugnen, was sie gestern verehrten: Vom Rande her, aus den Erzählungen der Gefährtinnen Heinz Neumanns und Willi Münzenbergs, wäre die Grundpolitik der KPD in der Lenin- und Stalin-Ära sichtbar geworden, persönlich und höchst exemplarisch, hätte der Zickzack-Kurs zwischen Botmäßigkeit gegenüber der Sowjetunion und bescheidener Eigenständigkeit, zwischen elitärer Absonderung und dem (allzuspäten, allzulange vom Kampf gegen den angeblichen Sozialfaschismus verhinderten) Bekenntnis zur Volksfront die Anschaulichkeit eines Exempels gewonnen.

Leider wollte man mehr, nicht ihr eigenes, sondern das Leben ihrer Männer sollten die Schwestern Babette und Margarete erzählen, und so sah man sie dann auf Bahnhöfen und an der Reling, am Limmat-Quai und vor einer See, die offensichtlich das Schwarze Meer darstellen sollte (im Hintergrund Volleyballspieler: Lokalkolorit einer Heinz-Neumann-Episode, Stalin zeigt sich bei einem Erholungsurlaub im Süden beeindruckt von Hitler), so sah man sie dann den Passionsweg von Münzenberg und Neumann nachdoublen, makaber war das, ein papierenes Spiel mit sentimentalen Memoiren-Akzenten. Um zu analysieren, welche politischen Rollen Neumann und Münzenberg spielten, in welchem Kraftfeld sie standen ( Der Mensch, das ist die Welt des Menschen: hätte man doch das Marx-Wort etwas weniger personalistisch interpretiert!) .... dafür reichten die schwesterlichen Erzählungen nicht aus, für einen solchen Doppelbericht waren die beiden Männer einander weder ähnlich noch voneinander unterscheidbar genug. Der einsame Tod (nicht einmal der vergleichbar) und die Verbindung mit den Schwestern Babette und Margarete – das war zu wenig für ein tertium comparationis. Es genügt nicht, alles auf den bösen Stalin zu schieben (In kritischen Stunden habe ich mich gegen Trotzki und für Stalin erklärt: so Münzenberg, in einem Brief an Dimitroff noch anno 1938!), mit Klischees wie Mekka des Kommunismus, Neumann mischte das Kartenspiel der chinesischen Revolution und Münzenberg, der rote Pressezar (ungeschulte Betrachter müssen ihn nach dieser Sendung für einen linken Springer oder Hugenberg halten: clever und millionenschwer) wird verdeckt, was enthüllt werden sollte.

Die Memoiren der Schwestern in Ehren – der Film über Neumann und, wichtiger noch, der Münzenberg-Film ist noch nicht gedreht. Erhard Thomas, auf alle Kino-Illustrationen und optischen Krücken verzichtend, sollte ihn drehen. Er hat oft genug bewiesen, daß er das Zeug dazu hat. Die Dokumentation braucht, will sie politisch sein, eine neue Form.

Momos