Leipzig,im September

In Leipzig werden nicht nur Maschinen, Textilien und Chemikalien gehandelt. Zu Messezeiten gibt es hier auch stets eine kleine Börse der Nachrichten und Meldungen.

Da ist der pessimistische Rentner, der meint, es werde alles immer schlechter. Er will seine Laube ausbessern und bekommt dafür weder die hundert Ziegelsteine noch den Sack Zement, noch die fünfzölligen Nägel. Einziger Ausweg: Einen Maurer beauftragen, der am Feierabend arbeitet, das nötige Material auf seiner Baustelle „organisiert“ und zum Schwarzmarktpreis in Rechnung stellt. Aber dafür reicht die Rente nicht.

Über den Bonn-Moskauer-Vertrag sagt der Rentner, Brandt habe die Deutschen in der DDR endgültig abgeschrieben. „Denken Sie an mich. Die Betrogenen seid ihr!“

Häufiger jedoch sind die nüchternen Urteile. „Für uns kommt dabei nichts heraus, was sollen wir uns also den Kopf darüber zerbrechen“, lautet die überwiegende Meinung der Leipziger zum deutsch-sowjetischen Vertrag. „Wir wissen zuwenig“, sagt einer, „vielleicht, daß sie in West-Berlin was machen?“

Auf den Straßen Leipzigs spielt die Politik fast keine Rolle. Neue Schilder mit bunten, aufwärtsweisenden Pfeilen und der Aufschrift „International anerkannt Handelspartner DDR“ zieren Straßen und Plätze. An Lenins hundertsten Geburtstag wird noch dezent erinnert, und weil der 20. Jahrestag der DDR vor einem Jahr wohl so schön war, gibt es jetzt Wettbewerbe zum nächsten Jahrestag. Als „unsere Zielstellung zum 21. Jahrestag der DDR“ verkündet die Belegschaft eines Restaurants unter anderem: „45 Prozent unserer Mitarbeiter kämpfen um den Staatstitel, Kollektiv der sozialistischen Arbeit; Erweiterung des Direktbezuges in Sortiment und Menge; Steigerung des Speisenumsatzes auf 104,2 Prozent.“

Pannen gehören immer noch zum Alltag der DDR. Ein Lastwagenfahrer erzählt, daß eine Fabrik für Küchengeräte kaum noch weiterarbeiten könne, weil ihr die notwendigen Gußteile fehlen. Also muß ein Kollege von ihm täglich zur Gießerei fahren, um wenigstens das Nötigste heranzuschaffen. Die Erklärung heißt dann: „Verplant.“ Jeder hilft sich, so gut es geht. Der Fahrer berichtet, bei normaler Arbeitszeit bekäme er 470 Mark ausgezahlt. Mit vielen Überstunden komme er meistens auf über 600 Mark im Monat. „Und ein Rad fährt immer für mich“, sagt er. Das heißt, daß er mit dem Firmenwagen auch private Transporte auf eigene Rechnung ausführt.